Der Eierkarton-Handel von Willi Schäfer

Von Pia Alltrock

0
40

In den 1950er Jahren war die Wiederverwendung von Eierkartons und anderen Verpackungsmaterialien eine absolute Selbstverständlichkeit und tief im Alltag verwurzelt. Während heutige Hygienevorschriften und das Umweltbundesamt oft zur Entsorgung raten, um Keime wie Salmonellen zu vermeiden, war die damalige Mentalität durch Sparsamkeit und den Geist der Nachkriegszeit geprägt.

Der ältere Bruder Albert Schäfer, geb. 1911, führte ein Lebensmittelgeschäft in Wiesbaden und sammelte Eierdeckel im Rhein-Main-Gebiet, wodurch er diesen Handel aufbaute. Der 33-jährige Wilhelm (Willi), geb. am 6. April 1924, tat es seinem Bruder gleich und baute in nördlicher Richtung ein eigenes Geschäft auf. Eigentlich war Willi Maurer: Von April 1938 bis 1941 absolvierte er eine Ausbildung bei der Firma Heinz Rotterdam in Langenfeld bei Düsseldorf und arbeitete anschließend in diesem Beruf. Nach dem Krieg fand er Arbeit als Maurer im Rheinland und Saarland. Zwei weitere Brüder führten Lebensmittelgeschäfte in Eisenbach: Jakob Schäfer (geb. 1909) führte das Elterliche Lebensmittelgeschäft in der Bachstraße 9 (Howersch) weiter; Josef Schäfer (geb. 1920) hatte ein Lebensmittelgeschäft in der Adolfstraße.

Willi Schäfers Gewerbeschein von 1957

In der Zeit von April 1957 bis Mai 1962 betrieb Willi Schäfer einen regen Handel mit gebrauchten Eierkartons im Raum Koblenz, Köln und Westerwald. Mit seinem Kleintransporter fuhr er regelmäßig die dortigen Geschäfte an, um die sogenannten „Eierdeckel“ einzusammeln. Auch die Nudelfabrik in Weinheim wurde angefahren.

Veronika und Willi Schäfer um 1960

Die gesammelten Kartons wurden anschließend in die Scheune in der Bachstraße 16 gebracht. Dort übernahm seine Frau Veronika die aufwendige Sortierarbeit. Veronika Schäfer, geb. Jost, war am 22. Oktober 1925 geboren. 1950 heirateten Veronika und Willi, Sohn Willibald kam 1952 zur Welt, Tochter Pia im Jahr 1959.

Angesichts der Vielzahl an Kartons war schnell klar, dass Veronika diese Aufgabe nicht allein bewältigen konnte. Glücklicherweise fand sie Unterstützung bei Frauen aus der Nachbarschaft und aus der Verwandtschaft. Gemeinsam wurde sortiert, geordnet und gebündelt. Oft begleitet von Gesprächen und einem herzlichen Miteinander. Für die Helferinnen war es dabei nicht nur eine willkommene Abwechslung, sondern auch eine Gelegenheit, sich ein kleines zusätzliches Einkommen zu sichern.

Die Kartons wurden nach Sauberkeit geprüft und die brauchbaren Exemplare sorgfältig zu Bündeln von je 120 Stück geschnürt und an die Hühnerfarmen in Görsroth und Bad Marienberg verkauft.

Nicht mehr verwendbare oder verschmutzte Kartons fanden ebenfalls Verwendung, Sie wurden an eine Zellulosefabrik weiterverkauft, wo sie dem Recycling zugeführt wurden.

Willi Schäfer mit seinem Transporter der Marke Tempo Wiking, daneben seine Ehefrau Veronika und Sohn Willibald

Anfang der 1960er Jahre lief das Geschäft so gut, dass Willi die Eierkartons auch in die Niederlande verkaufte. Hierzu wurde ein Eisenbahnwaggon angemietet, der in Camberg (heute Bad Camberg) bereitstand. Dieser wurde vor Ort vollständig beladen. Die Waggonladung wurde anschließend in die Niederlande transportiert, wo die Kartons an Geflügelbetriebe weiterverkauft wurden.

Auf diese Weise entstand ein funktionierender Kreislauf von Sammlung, Sortierung, Wiederverwertung und Weiterverkauf, der auf handwerklicher Arbeit, organisatorischem Geschick und einem weitreichenden regionalen Netzwerk beruhte. Die Familie konnte gut davon Leben.

Die Umstellung auf 10er-Eierschachteln vollzog sich nach und nach. Es war ein allmählicher Prozess, doch für Willi war der Handel mit den Eierschachteln nicht mehr so gewinnbringend.

links Veronika Schäfer und rechts die Nachbarin Leni Bullmann

Ab Mai 1962 war Willi Schäfer bei der Schravelner Mühle GmbH aus Kevelaer am Niederrhein als Handelsvertreter beschäftigt. Die Firma handelte mit Pflanzen, Blumenzwiebeln und Sämereien.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.