Spar Markt Hartmann
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Von kleinen Läden bis hin zu den ersten Supermärkten – eine kleine Zeitreise durch Eisenbachs Einkaufsmeile. In unserer Artikelreihe stellen wir einige dieser längst verschwundenen (und zum Teil in Vergessenheit geratenen) Läden vor. Es handelte sich um kleine „Tante-Emma-Läden“ oder Kolonialwarenläden, die vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg in Eisenbach eröffneten.

Wo heute Autos in den Straßen stehen oder durch diese fahren, waren damals viele Geschäfte, Gaststätten, Kneipen vorzufinden. Eisenbach glich regelrecht einer Einkaufsmeile.

Unvorstellbar ist es heute, wie Eisenbach mit seinen Straßen Mitte des 20. Jahrhunderts ausgesehen haben muss, als es allein zwölf Lebensmittelgeschäfte, zehn Gastwirtschaften gab. Daneben boten drei Bäcker und drei Metzger ihre Waren an. Hinzu kam ein Geschäft mit Haushaltswaren und Gärtnerei, eine Tabakwarenhandlung, drei Kohlenhandlungen, ein Laden mit Kurzwaren. Nicht zu vergessen die vielen Dienstleister: Rasierer, Banken, Taxiunternehmen, Busunternehmen, Dresch-/Holzschneidemaschine, Lottoannahmestelle, Versicherungsagenturen, chemische Reinigung. Handwerksbetriebe gab es auch unzählige: das Elektro-Geschäft von Josef Ries („Riese Jupp“) in der Grabenstraße LINK, drei Zimmereien/Schreinereien, drei Anstreicher, ein Dachdecker, vier Friseure, zwei Huf- und Wagenschmiede, zwei Korbflechter/Mannemacher (im Nebenerwerb), vier Besenbinder (im Nebenerwerb), eine Schneiderei, vier Schuster, zwei Fliesenleger, ein Stukkateur, eine Autowerkstatt.

Lange Arbeitszeiten, auch an Sonn- oder Feiertagen, gehörten zum Geschäftsbetrieb. Da die Inhaber in der Regel im gleichen Haus oder neben ihrem Laden wohnten, reichte ein kurzes Klopfen oder Klingeln und schon konnte eingekauft werden.

Manche Geschäfte öffneten schon vor dem Zweiten Weltkrieg, wie das Tabakwarengeschäft von Benedikt Gattinger (Kirchstraße 37) oder 1932 das Lebensmittelgeschäft von Georg Hartmann (in der Wilhelmstraße 29) >>LINK. Wahrscheinlich in den Kriegsjahren eröffnete Jakob Falkenbach – von allen nur „Pfeiferch“ oder „Pfeifers Job“ genannt – die „Kolonialwarenhandlung Jakob Falkenbach“ (in der Mühlstraße), die ab 1944/1945 von Johanna Weilmünster weitergeführt wurde. In der Kirchstraße 24 betrieb Hilde Gattinger („Liese“) ihren Laden. Dass solche kleinen Geschäfte von Frauen geführt wurden, war auch in Eisenbach nichts Ungewöhnliches.

„Trotz des hohen Arbeitsaufwandes haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Drittel aller Ladenbesitzer keine Angestellten. Etwas mehr als die Hälfte beschäftigt bis zu drei Angestellte. Fast immer sind es Frauen, vielfach Familienmitglieder.“ (Handelsjournal 09/2021)

Doch auch das dunkle Kapitel der Machtergreifung der Nationalsozialisten soll an dieser Stelle nicht vergessen werden. Denn der sogenannte „Judenboykott“ machte die Existenz einer ganzen Eisenbacher Familie zunichte: Die jüdische Familie Aumann LINK durfte und konnte ihren Tabakwarenhandel nicht mehr betreiben; sie wurden ihrer Lebensgrundlage beraubt.

Das Sortiment

Im Sortiment der kleinen Läden gab es hauptsächlich Obst, Gemüse und Dinge des täglichen Bedarfs, wie Milch, Butter, Käse und Wurst zu kaufen. Damals waren noch viele Waren lose, unverpackt und wurden bedarfsgerecht für die Kundschaft abgewogen.

Doch auch Kaffee, Tee und Kakao wurden angeboten. Diese exotische Ware aus den beherrschten und ausgebeuteten „Übersee“-Gebieten außerhalb des europäischen Kontinents konnte die Bevölkerung in den sogenannten „Kolonialwaren“-Läden kaufen. Auch Zucker, bestimmte Gewürze oder Tabak zählten dazu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg – nach Einführung der neuen Währung D-Mark – war das Warenangebot wieder groß und auch ein Zahlungsmittel vorhanden, das die Rückkehr zur Normalität ermöglicht. Kleine Läden sprossen nun aus dem Boden – auch in Eisenbach. Erst in den 1970er Jahren erhielten sie den liebevollen, nostalgisch angehauchten Namen „Tante-Emma-Laden“ – durch den Sänger Udo Jürgens und seinen Song „Tante Emma“ von 1976, der dazu beitrug, dass sich der Begriff verbreitete und bis heute festgesetzt hat:

„Ich weiß
Wo ich noch Kunde bin:
Ich geh′ zu Tante Emma hin.
Im Tante-Emma-Laden
An der Ecke vis-a-vis

Wenn an der Tür die Glocke bimmelt
Ist das beinah schon Melodie!

Bei Tante Emma ist’s privat
Sie ist kein Warenautomat

Sie sagt
Wenn ich nicht zahlen kann:
Was macht das schon
Dann schreib ich an.“

Auszüge aus „Tante Emma“ von Udo Jürgens

Die Textzeilen sind natürlich nicht ganz aus der Luft gegriffen: Denn der Einkauf war persönlich, an der Theke wurde bestellt, man kannte sich. Der Verkäufer oder die Verkäuferin packte ein und wog die gewünschte Ware ab, notierte sich die Beträge fein säuberlich auf einen Block, addierte. Neben dem Einkauf war genügend Zeit für einen Plausch, um die Neuigkeiten im Dorf zu erfahren.

Konkurrenz der großen Supermarktketten

Ab den 1960er-Jahren hatten die kleinen Läden, die es bis dato in großer Zahl auch im beschaulichen Eisenbach gab, immer mehr mit der erstarkten Konkurrenz von Einzelhandelsketten zu kämpfen. Das Auto gab vielen Eisenbachern nun auch die Möglichkeit, den großen Wocheneinkauf in den Supermärkten zu erledigen. Als 1974 dann auch noch per Gesetz die Preisbindung verboten wurde, konnten gerade große Supermarktketten mit Rabatten ihre Kunden immer mehr in die Geschäfte locken. Das konnten die vielen kleinen Läden nicht. Sie verschwanden daher vom Erdboden oder es war für die nachfolgende Generation einfach nicht mehr wirtschaftlich, an den Geschäften festzuhalten und diese fortzuführen.

Ein paar wenige dieser Läden gingen jedoch in Einzelhandelsketten auf und wurden noch ein paar Jahre selbstständig weitergeführt.

Bäckereien und Metzgereien

In der Kirchstraße befanden sich zwei Bäckereien – die von Jakob Böß („Biese Jab“) und von Willi Berninger („Schummerstersch Willi“); in der Mühlstraße hatte Bäcker Christian Kaiser („Innermiller“ oder „Millerchrist“ genannt) sein Geschäft. Eine Zeit lang betrieb Heinrich Dorn, der eigentlich aus einem kleinen Dorf im Westerwald stammte und nach Eisenbach heiratete, eine kleine Bäckerei in der Feldstraße, daher sein Name: „Feldbäckersch“. Eisenbacher, die sich an ihn erinnern, beschreiben ihn als sehr musikalisch. So sei der Bäcker für den betagten Organisten eingesprungen, übernahm dessen Dienst. Auch für den erkrankten Dirigenten des Gesangvereins „Liederkranz“ sprang der junge Bäcker gerne ein. Der junge Bäckermeister soll jedoch auch recht verträumt und nicht gerade geschäftstüchtig gewesen sein: „Das tat dem jungen Betrieb überhaupt nicht gut. Sein junger Kollege aus der Kirchstraße – Schummerstersch Heinrich – half ihm mit Rat und Tat, aber irgendwann blieb sein Backofen kalt“, so Edmund und Heinz Hartmann.

In der Bachstraße befand sich außerdem die Metzgerei von Josef Schumacher („Horns Juppes“), in der Grabenstraße war das Geschäft von Metzger Bernhard Zöller. Die Metzgerei von Josef Kaiser („Mäuerpeter“) befand sich in der Kirchstraße. Der Laden war unten im Haus, dahinter befand sich das Schlachthaus. Von den Bauern holte der Metzger das Vieh. Der kinderlos gebliebene Metzger verstarb früh. Zunächst sollte sein Neffe das Geschäft übernehmen, sprang dann aber doch ab. Das Gebäude wurde schließlich zum 1. April 1964 verkauft an die Metzgerfamilie Haug, die vorher in Hasselbach wohnte und in Rod an der Weil ihre Stammfiliale hatte.

Quellen:

Deutsche digitale Bibliothek (2025): Die Geschichte der Kolonialwarenläden. https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/content/blog/die-geschichte-der-kolonialwarenlaeden?lang=de (letzter Zugriff: 03.12.2025).

Eisenbach Einst und Jetzt (2018): Was war wo einst in Eisenbach? https://eisenbach-einst-und-jetzt.de/was-war-wo-einst-in-eisenbach (letzter Zugriff: 04.12.2025).

Geschichtsverein Münster e. V. (2025): Meesterer Geschichtcher. Heft Nr. 19.

Handelsverband Deutschland (2020): Auferstanden aus Ruinen. Handelsjournal 06/2020. S. 52/53.

Handelsverband Deutschland (2021): „Im Supermarkt bin ich allein…“. Handelsjournal 09/2021. S. 18/19.

Stephan Hartmann: Eisenbacher Originale und andere beachtenswerte Menschen, Sammlung von Heinz und Edmund Hartmann.

Rosa Kaiser: Erinnerungen (Januar 2026)

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