Das 1961 zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Türkei geschlossene Abkommen regelte die Anwerbung von Gastarbeitern – eine Win-Win-Situation für beide Seiten: Deutschland brauchte dringend Arbeitskräfte, in der Türkei war die Arbeitslosigkeit sehr hoch. In einem Zeitraum von zwölf Jahren kamen ca. 900.000 Menschen aus der Türkei nach Deutschland. Sie verließen ihre Heimat, um zu arbeiten, um die Familie ernähren zu können. Viele sind geblieben. Sie und ihre Nachkommen prägen bis heute das Land – und wurden selbst geprägt. Einer davon war Mustafa Cinar aus Çınarlı, nahe Erzincan.
Es sind die 1960er Jahre. In dem kleinen Dorf Çınarlı (alter Name: Galolar) scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Kleine Lehmhütten gruppieren sich am Berghang, es gibt keinen Strom, kein fließend Wasser, kein Auto, kein Telefon. Bei Wind und Wetter laufen die Kinder ins Nachbardorf zur Schule.

Mustafa, geboren am 12. März 1934 in Çınarlı, hat sechs Geschwister und arbeitet wie alle hier jeden Sommer auf den Feldern. Sie sind alle Bauern, es gibt keine sonstigen Einkünfte. Über die schneereichen Wintermonate, die hier in den Bergen lang und hart sein können, arbeitet er in Istanbul bei einer wohlhabenden griechischen Familie, auf dem Bau.
Über das Radio, das die Weltnachrichten in das Dorf bringt, erfährt er von der Anwerbung von sogenannten Gastarbeitern nach Deutschland. Verwandte aus dem Nachbarort haben sich schon auf den Weg gemacht und erzählen von ihren Erfahrungen.

Mustafa entschließt sich um 1970, ebenfalls aufzubrechen, um für seine Familie ein besseres Leben aufbauen zu können. Seine Ehefrau Elif wird bei den drei Töchtern Güler, Tülay und Sunay bleiben, während er in Deutschland arbeiten will. Sie leben in einem kleinen Lehmhaus mit einem großen Wohnraum, einem Schlafzimmer und einem Holzherd zum Kochen. Wenige Male im Jahr geht es in die Stadt, Tee und Seife kaufen, die streng rationiert wird, damit man so lang wie möglich etwas davon hat. Sie bringen sich einmal im Jahr Stoffe mit, dann nähen sie neue Kleider.
„Çınar“ bedeutet in der türkischen Sprache „Baum“ und dieser Name ist sinnbildlich für den Aufbruch und Neuanfang von Mustafa Cinar und seiner Familie, für seine Ehefrau Elif, seine drei in der Türkei geborenen Töchter, für die vier Kinder, die in Deutschland zur Welt kommen, und für alle zwölf Enkel sowie Urenkel, die noch kommen werden: Mustafa schlägt neue Wurzeln, baut sich nach und nach ein Leben in Eisenbach auf, er verwächst mit dem hessischen Boden, vergisst aber nie seine Heimat.

Mit Cousin Kazim, der auch in Eisenbach wohnen wird, borgt sich Mustafa das Fahrgeld nach Istanbul und dann weiter mit dem Zug nach Deutschland. Mit dem ersten Lohn zahlen sie das Geld zurück, schicken den Verwandten Geld. Zwei Jahre, nachdem er aufgebrochen ist, kommt seine Ehefrau Elif nach. Die drei Töchter bleiben zunächst bei den Großeltern, kommen dann aber 1976 nach. Die zu diesem Zeitpunkt zehnjährige Tülay wird mit ihrer sechs Jahre alten Schwester Sunay in Selters eingeschult. In Deutschland kommen die vier Töchter Gülay, Yeter, Ludwina und Kezban zur Welt.
Drei von vier seiner Schwestern beginnen über den Familiennachzug ebenfalls ein neues Leben: eine Schwester von Mustafa zieht es nach Österreich, eine weitere nach Düsseldorf, eine dritte – Nazmiye Özdemir – nach Eisenbach.

Man kann nur erahnen, wie es für Mustafa, Elif und die Kinder gewesen sein muss, ohne Sprachkenntnisse das Leben in Eisenbach bestreiten zu müssen. Bauunternehmer Josef Decker aus der Helenenstraße profitiert von der Ankunft der Gastarbeiter und sucht sich am Bahnhof Arbeiter aus. Diese wohnen in Baracken. Die Familie Cinar wohnt im angrenzenden Haus. Die ganze Familie ist hilfsbereit, hilft bei Einkäufen und Behördengängen. Später wohnt die Familie Cinar in der Wilhelmstraße (Sackgasse 2). Mama Elif lernt Ingrid Rembser bei einem Spaziergang kennen, auch sie hilft fortan bei allem. Mit Händen und Füßen wird sich verständigt, „Tante Jetti“ hilft beim Einkaufen in den Gängen des Sparsupermarkts „auf der Boi“.

„Die Eisenbacher haben uns bei allem sehr geholfen. Mein Vater war darüber sehr dankbar. Deshalb wollten wir auch nie von Eisenbach weg“, erinnert sich Tülay heute. Er habe die Lebensqualität in Deutschland sehr geschätzt, habe ein besseres Leben für seine Mädchen gewollt. Eisenbach sei wie eine große Familie für ihn gewesen, das habe er immer wieder erwähnt. Eisenbach wird zur neuen Heimat.
Erst nach drei Jahren nach seiner Einreise ist Mustafa das erste Mal wieder in seinem Heimatdorf. Er arbeitet so lange bei der Decker-Firma, bis diese schließt. Anschließend ist er bei der Firma Hofmann in Kronberg angestellt. Zum Schluss wohnen Elif und Mustafa in der Schwester-Blithmunda-Straße. 2021 verstirbt Mustafa, Elif folgt ihm 2023 nach. Beide werden in ihrem Geburtsort beerdigt, wie sie es sich gewünscht haben.
Infokasten:
Ursprünglich sollte die Arbeitsmigration befristet sein: Deutschland brauchte dringend Arbeitskräfte, um der boomenden Nachkriegswirtschaft standhalten zu können. Verschiedene Abkommen mit Spanien und Griechenland (1960) oder der Türkei (1961) regelten die Arbeitsmigration. Es folgten Übereinkommen mit Marokko (1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968). Die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis war befristet für ein Jahr. Deutsche Arbeitgeberverbände und die türkische Regierung erreichten allerdings 1964, dass die vorgesehene Befristung der Arbeitserlaubnis türkischer „Gastarbeiter“ auf maximal zwei Jahren keine Erwähnung mehr fand.
„Neben der Entlastung des eigenen Arbeitsmarktes versprach sich die türkische Regierung dringend benötigte Deviseneinnahmen sowie einen Modernisierungsschub durch zurückkehrende ‚Gastarbeiter‘, die sich entsprechende Qualifikationen angeeignet haben würden […].“
Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer und ihre Folgen

Die Deviseneinnahmen trafen ein, wie von der Türkei erhofft. Ende der 1960er Jahre stieg die Anzahl türkischer Arbeitnehmer stark an, überholte zahlenmäßig die Gruppe der Italiener.
Gebraucht wurden sie in der Bauwirtschaft und im produzierenden Gewerbe (hier waren etwa 80 Prozent beschäftigt). Die restlichen 20 Prozent entfielen auf das Dienstleistungsgewerbe. In Hessen ließen sich nach Nordrhein-Westfalen (407.000) und Baden-Württemberg (351.000) mit 147.500 die meisten ausländischen Arbeitnehmer bis 1966 nieder. Die Anzahl der Türken in Hessen betrug im Jahr 1963 2.700 Personen. Vorrangig arbeiteten sie in Südhessen. 1964 gelangten 4.800 türkische Arbeitnehmer neu nach Hessen.
Bis November 1973 warb Deutschland um ausländische Arbeitskräfte. Anschließend kamen durch den Familiennachzug weitere Türken.
„Bei den Arbeitskräften aus der Türkei verstärkte der Anwerbestopp die Tendenz zur Niederlassung und zum Nachzug von Familienangehörigen. Waren sie einmal ausgereist, hatten sie kaum mehr eine Chance zur Rückkehr. Die Rechtslage nach dem Anwerbestopp machte eine erneute Arbeitsaufnahme nach Beendigung eines früheren Arbeitsverhältnisses nahezu unmöglich. Die Gruppe der türkischen Staatsangehörigen war auch daher die einzige, die in den Jahren nach dem Anwerbestopp bis 1980 anwuchs – von 1,0 Millionen im Jahr 1974 auf 1,4 Millionen im Jahr 1980. Der Anteil der Frauen nahm von 1974 bis 1979 um rund 21 Prozent zu, die Zahl der unter 15-Jährigen aus der Türkei verdoppelte sich im gleichen Zeitraum auf rund 420.000.“
Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer und ihre Folgen
„In der Bundesrepublik Deutschland stieg die Zahl ausländischer Staatsangehöriger von rund 690.000 im Jahr 1961 auf ca. 4,1 Millionen im Jahr 1974. 1980 waren ca. 33 Prozent aller nicht-deutschen Staatsangehörigen in Westdeutschland Türken, es folgten Jugoslawen und Italiener mit je 14 Prozent.“
Globale Migration. Geschichte und Gegenwart, S. 109
Quellen:
Tülay Cinar: Erinnerungen (April 2026)
Stefan Luft (2014): Die Anwerbung türkischer Arbeitnehmer und ihre Folgen. https://www.bpb.de/themen/europa/tuerkei/184981/die-anwerbung-tuerkischer-arbeitnehmer-und-ihre-folgen/ (letzter Zugriff: 25.03.2026).
Kai Umbach: Hessen im19. und 20. Jahrhundert. https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/drec/sn/edb/mode/catchwords/lemma/Gastarbeiter/current/0 (letzter Zugriff: 25.03.2026).
Dorte Huneke (2011): Von der Fremde zur Heimat. 50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen. https://www.bpb.de/themen/migration-integration/anwerbeabkommen/43161/von-der-fremde-zur-heimat/ (letzter Zugriff: 25.03.2026).
Stefan Luft (2011): “Gastarbeiter“: Niederlassungsprozesse und regionale Verteilung. https://www.bpb.de/themen/migration-integration/anwerbeabkommen/43261/gastarbeiter-niederlassungsprozesse-und-regionale-verteilung/ (letzter Zugriff: 25.03.2026).
Jochen Oltmer (2016): Globale Migration. Geschichte und Gegenwart. C.H. Beck.



