Die Einweihung des Kriegerdenkmals in Eisenbach

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Eine Satire nach wahren Begebenheiten

Von Dr. Bernd A. Weil

Frieder war ein verrückter, aber liebenswerter Kerl. Immer wieder war er mit seinem „Moped“ unterwegs, das heißt, er besaß weder ein Moped noch einen Führerschein, aber er verstand es wie kein anderer, sämtliche Geräusche eines solchen Gefährts täuschend echt zu imitieren. Ob beim Anlassen oder Gas geben, ob bei Fehlzündungen, beim Bremsen oder Abwürgen des Motors, Frieder konnte wie der Pantomime eine Luftgitarre alle Töne perfekt zum Besten geben. Angesprochen, ob er denn nicht müde werde, wenn er den ganzen Tag unterwegs sei und herumlief, antwortete das Schlitzohr, er hätte doch sein Moped dabei!

So gab es diverse Situationen, bei denen man nicht so recht wusste, wer da eigentlich wen auf den Arm nahm! Für die Einweihung des Kriegerdenkmals wurde das ganze Dorf festlich geschmückt, unzählige Fahnen und Fähnchen wurden gehisst, die Glocken läute­ten ohne Unterlass und die Menschen strömten in Massen zu dem fei­erlichen Festakt. Der Tag versprach schönes Wetter, denn man konnte bis zum Großen Feldberg sehen. Um ein besonderes Pathos für die denkwürdige Feier entstehen zu lassen, sollte der Bürgermeister eine theatralische Rede halten, flankiert vom Pfarrer und dem Schulrektor, während im Hintergrund der Männergesangverein in regelmäßiger Abfolge ein sonores „Womm!“ mit Crescendo und zunehmender Tonhöhe einflechten sollte. – Aber da gab es ja noch den „langen Frieder“ mit seinen spaßigen Ideen!

Wenn nämlich das Dorf so festlich herausgeputzt war, konnte das für Frieder nur zwei Ursachen haben: Entweder es war Fastnacht oder es war Kirmes. Frieder entschied sich für die „Fassenacht“. – Während die feierliche Zeremonie wie ein heiliges Ritual anlief, näherte sich Frieder – von den verklärten Dorfbewohnern völlig unbemerkt – aus der Straße oberhalb des Denkmals der Gedenkstätte. Dank seines natürlichen musikalischen Empfindens gelang es Frieder, immer, wenn der Gesangverein sein „Womm“ anschwellen ließ, im richtigen Moment und in der korrekten Tonhöhe ein überlautes „Helau!“ herauszuschreien – zum Entsetzen der Festversammelten. Dies wiederholte sich mehrmals, da man anfangs glaubte, der Frieder würde jetzt Ruhe geben. Weit gefehlt! Die zunehmend hektischen Gesten und Reaktionen der Anwesenden animierten Frieder zu Höchstleistungen. Man versuchte ihn einzufangen, was wegen der höher gelegenen Straße nicht so einfach möglich war. Bis man Frieder endlich vertreiben konnte, war die ganze Sache verdorben und man ging frustriert in ein nahe gelegenes Wirtshaus, um sich den Ärger mit viel Bier und Schnaps runterzuspülen und das ganze Vorkommnis noch einmal strategisch zu kommentieren und gründlich zu analysieren.

Frieder hatte offensichtlich noch nicht genug, denn er lief in den Hausflur der beliebten Kneipe nahe dem Kriegerdenkmal und brüllte in wirren Tönen:

                 Die Tabaksbrise nimmt der Seefahrtsinvalid‘,
                 Um aufzureizen sich die tiefsten Nasenecken;
                 Er greift sich vom Regal die Flasche Aquavit
                 Und singt so falsch, als wollt‘ er Tote wecken.

Das streng katholische Dorf konnte dem „Übeltäter“ nicht lange böse sein und vergab ihm seine Streiche immer wieder. So hatte man in der sonst recht trostlosen Zeit doch immer wieder einmal etwas zu lachen.

 

Ein Kapitel aus: Weil, Bernd A.: Der Mordbach. Eine Novelle aus alten Zeiten sowie weitere Erzählungen und Essays. Norderstedt 2016, S. 12-14

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