Das erste Elektrogeschäft in Eisenbach

Von Christian Heinz

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Das erste Elektrogeschäft in Eisenbach eröffnete in den 50er Jahren.

Doch wie kam es dazu?

Das Ehepaar Josef Ries Senior und Maria Ries, geborene Stickel, hatte vier Kinder: Josef (geb. am 30.05.1925), Werner (geb. 1926), Erwin (geb. 1931) und Willy (geb. 1936). Sie wohnten in der Bergstraße. Drei der vier Söhne erlernten einen Handwerksberuf. Erwin wurde Schreiner, Werner war sein gesamtes Berufsleben als Verputzer tätig und Josef entschied sich, Elektriker zu werden.

„Ein Jugendlicher schloss während des Dritten Reiches seine Schulausbildung fast immer mit einem Volksschulabschluss nach der 8. Klasse ab. 1937/38 beendeten von 1,06 Millionen Schulentlassenen 920.000 die Schule mit einem Volksschulabschuss und nur 36.000 mit dem Abitur. 1937 betrug der Anteil von Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren, die eine höhere Schule besuchten, insgesamt 3,4 Prozent. Drei Viertel der Volksschulabgänger begann nach der Schule eine Lehre. 25 Prozent der Absolventen nahmen allerdings – wie auch schon zur Jahrhundertwende – eine Arbeit als ungelernte oder angelernte Kraft auf.“

Quelle: Deutsches Historisches Museum

Die Familie Ries war arm, wie so viele Familien zur damaligen Zeit in Eisenbach und in Deutschland generell. Nach der Volksschule 1939 in Eisenbach ging der Sohn Josef deshalb bei Carl Herboldsheimer in Camberg in die Lehre und erlernte den Beruf des Elektrikers. Der Elektrobetrieb befand sich in der alten Molkerei, heute Willy Schmidt Sanitär- und Heizungszubehör in Bad Camberg. Unter anderem Straßenlaternen errichten, Trafos installieren oder ungesichert auf hohen Leitern stehend Oberleitungen ziehen, gehörte ebenso zu seinen Aufgaben wie irgendwelche Verkabelungen legen oder Glühbirnen wechseln. „Nach Sicherheit hat da kein Hahn gekräht“, wie er erzählte. Natürlich war er nicht allein. Er war Lehrling. Der Umgangston war rau. Lange Arbeitszeiten waren nicht selten. Einmal, es muss in einem Winter gewesen sein, gegen Abend, es war bereits dunkel, kalt und stürmisch, machte sich seine Mutter Maria mit einer Sturmlaterne über die sog. Retter auf den Weg, um zu sehen, wo Josef bleibt, was mit ihm ist. Sie machte sich Sorgen. Irgendwo auf halber Strecke zwischen Eisenbach und Camberg begegnete sie ihrem Sohn nach einem langen Arbeitstag mit vielen Überstunden auf dem Nachhauseweg.

Josef Ries 1975

Der Elektrobetrieb war mit Josef anscheinend sehr zufrieden. Nach 3-jähriger Berufsschulzeit und erfolgreich abgeschlossener Lehre war er daraufhin als Geselle tätig, musste jedoch mit 18 Jahren zum Reichsarbeitsdienst (RAD). Zunächst nur kurz im Raum Kassel eingesetzt, da seine Lehrfirma es schaffte, ihn aus dem RAD wieder zu lösen mit der Begründung, er wäre unverzichtbar für die Firma. So arbeite er schließlich wieder bei Herboldsheimer. Doch nicht all zu lange. Nach den damaligen Gesetzen mussten junge deutsche Männer ein halbes Jahr zum Arbeitsdienst und dann zum Militär, sprich Wehrmacht. So musste Josef wieder zum RAD. Diesmal half keine Intervention seiner Lehrfirma. Doch anders als die meisten jungen deutschen Männer, blieb Josef aus ihm selbst unbekannten Gründen beim RAD bis Kriegsende. Zunächst um Darmstadt eingesetzt, später bis Ende März 1945 um Frankfurt am Main, als Leiter eines Flugabwehrgeschützes. Von dort ging es für ihn in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Per Schiff an die Ostküste, per Zug durch die USA nach Kalifornien, bis er 1946 in die britische Kriegsgefangenschaft überstellt wurde, von wo er 1948 aus dieser nach Hause, nach Eisenbach, entlassen wurde.

Josef zeigte stets Interesse an Elektrik. So stellte das US-Militär deutschen Kriegsgefangenen beschlagnahmte Literatur wie Romane zum Zeitvertreib zur Verfügung, aber auch Fachliteratur zur Weiterbildung. Josef entschied sich für das hier abgebildete Buch, um sich fortzubilden, bzw. das erlernte Wissen nicht zu vergessen.

Nach Hause zurückgekehrt, lernte er seine spätere Frau Elfriede Zimmermann kennen. Das Paar heiratete 1949 und bekam 1949 eine Tochter namens Margit.

Heirat 1949

Wie genau es dazu kam, dass Josef Ries, in Eisenbach meist „Riese Jupp“ genannt, einen Elektroladen eröffnete, ist nicht überliefert. Im Gedächtnis geblieben ist der Satz „Tut mir leid. Da war ich zweieinhalb Jahre in Gefangenschaft in Amerika“. Möglicherweise wollten einige verschiedene Firmen, wo er anfragte, Berufserfahrung haben. 1948 findet er eine Anstellung, entscheidet sich aber nur fünf Jahre später, sich selbstständig zu machen. Er meldet seinen eigenen Handwerksbetrieb an und eröffnet den Laden 1953.

„Lehrling ist jedermann, Geselle ist, wer was kann, Meister ist, wer etwas ersann.“ Dieser bekannte Spruch beschreibt die drei Stufen der handwerklichen Ausbildung: Der Lehrling ist jeder, der lernt. Der Geselle beherrscht sein Handwerk. Der Meister ist derjenige, der Neues schafft, plant oder erdenkt. Oft wird dieses Zitat Johann Wolfgang von Goethe zugeschrieben.

Diesen bekannten Spruch wiederholte mein Großvater immer wieder mal und getreu dem Spruch absolvierte er die letzte Stufe der handwerklichen Ausbildung.

1958 machte Riese Jupp seinen Meister in Elektronik, mit der Gesamtnote „Befriedigend“.

Meisterprüfungszeugnis vom 22. Mai 1958

Darauf war er Zeit seines Lebens stolz und der Meisterbrief hatte stets einen Platz an der Wand.

Meisterbrief

Seine praktische Meisterarbeit legte er im Bauernhof ab. Die praktische Meisterprüfung bestand darin, die Verkabelung im gesamten Gebäude neu zu verlegen und Stromkästen zu setzten, sprich die gesamte Elektroinstallation zu machen.

Das Geschäft selbst befand sich im Elternhaus von Elfriede Ries, geborene Zimmermann, in der Grabenstraße 23, wo auch Josef wohnte.

Für seinen Elektrobetrieb war ein Auto unabdingbar. So war Josef einer der ersten nach dem Krieg, die ein eigenes Auto hatten. Er fuhr stets nur Ford.

Damals gab es keine Einbauküchen. So verkaufte mein Großvater Elektroherde, Waschmaschinen, Fernseher. Natürlich lieferte er diese und übernahm die Elektrik, sprich er schloss die Geräte an. Beispielsweise erzählte Rainer Schorr, dass er 1967 vom Riese Jupp einen Fernseher kaufte und natürlich schloss Riese Jupp den Fernseher auch an. Er war vor allem in Eisenbach tätig, aber auch in Haintchen und Oberselters. In Niederselters und Münster nie, da dort ein Elektriker bereits vorhanden war. Riese Jupp war daher in Eisenbach recht bekannt.

In diesem Haus legte Josef Ries seine praktische Meisterprüfung ab (roter Kasten).

Das Geschäft bestand hauptsächlich im Verkauf und der Installation von Elektrogeräten des häuslichen Gebrauchs, aber er setzte auch Steckdosen.

Neben diesen Sachen wurden im Laden selbst durch seine Ehefrau Elfriede Haushaltsartikel wie Porzellanartikel und Gläser verkauft oder Einmachgläser vor allem während der Saisonzeit. Sammelgläser waren oft der Renner. Diese wurden gut verkauft. Geschenkartikel wurden in dem Elektroladen ebenfalls verkauft.

Ein Krauthobel wurde gegen eine Gebühr von 50 Pfennig verliehen. Dies nahmen die Kunden gerne an, führte aber auch oftmals zu Zores, wenn die einen den Krauthobel haben wollten, die anderen aber diesen noch nicht zurückgebracht hatten, obwohl eine Rückgabefrist vereinbart worden war. Da haben die Leute oftmals geschimpft, obwohl meine Oma dafür nichts konnte.

Zwar konnte Josef auch Buchführung, es war ja Teil seiner Meisterprüfung, aber das Ehepaar teilte sich die Arbeit ein. Er war für das Praktische zuständig und sie für die Buchführung.

Als selbstständiger Unternehmer musste er auch nicht selten samstags arbeiten. Einen Ausgleich fand er unter anderem im Kegeln. Er war jahrelanges Mitglied im hiesigen, aber seit Jahrzehnten aufgelösten Kegelclub „Neuntöter“. Auch noch im Rentenalter war er aktiver Kegler. Seine zahlreichen Pokale zeugten von seiner Kegelleidenschaft, die den Wohnzimmerschrank säumten. Meistens belegte er den ersten und zweiten Platz, selten den dritten Platz.

Immer präsent sein, im Einsatz und oft samstags arbeiten. Bei Krankheit oder Urlaub keinen Lohn und so weiter. Vermutlich waren dies Gründe, die ihn dazu bewegten, Anfang der 1970er Jahre sein Elektrogeschäft aufzugeben und in ein Angestelltenverhältnis als Elektroinstallateur bei Karstadt in Limburg zu wechseln. Dort arbeitete er bis kurz vor dem Eintritt in die Rente 1987. Aus gesundheitlichen Gründen sah er sich nicht mehr in der Lage, seine Außendiensttätigkeit als Kundendienst-Techniker wahrzunehmen und musste kündigen. Nach einer kurzen Zeit der Arbeitslosigkeit ging er in den wohlverdienten Ruhestand.

Anfang der 1970er Jahre wurde das Haus in der Grabenstraße verkauft. Der Laden war nun endgültig Geschichte.

Den Wohlstand für seine Familie und sich hat er hart erarbeiten müssen, wie so viele Deutsche in den 1950er und 1960er Jahren.


Quellen:

Erinnerungen Christian Heinz und Margit Heinz, geborene Ries. im April 2026

Materialen: Unterlagen Nachlass Josef Ries

Deutsches Historisches Museum: https://www.dhm.de/archiv/ausstellungen/lebensstationen/ns_7.htm (letzter Zugriff: 28.04.2026).

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