Das Schicksal der Eisenbacherin Mathilde Mannheimer, geborene Aumann

Von Dr. Bernd A. Weil

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Alfred und Mathilde Mannheimer, geborene Aumann, wurden am 10. Juni 1942 mit Lastwagen aus ihrer Wohnung in Wiesbaden (Luisenstraße 47) geholt und unter Bewachung durch die Staatspolizei zum Sammelplatz im Städtischen Schlachthaus in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs gebracht. Über die Wiesbadener Viehverladerampe des 1884 in Betrieb genommenen Schlachthofs bestiegen die Wiesbadener Juden die Züge. Mathilde und Alfred Mannheimer wurden vom Wiesbadener Hauptbahnhof nach Frankfurt am Main gebracht. Vom dort mussten sie unter dem höhnischen Gegröle der Nazi-Anhänger zu Fuß durch die Stadt zur Großmarkthalle, der zentralen Sammelstelle, laufen. Seit Oktober 1941 organisierte die Geheime Staatspolizei Frankfurt am Main in Zusammenarbeit mit anderen staatlichen und kommunalen Stellen Deportationen in Konzentrations- und Vernichtungslager, wofür der östliche Kellerbereich der Großmarkthalle als Sammelplatz angemietet wurde, während direkt nebenan der normale tägliche Marktbetrieb weiterlief. Die grausamen Vorgänge und Misshandlungen blieben den dort Beschäftigten keineswegs verborgen.

Mathilde Aumann Mitte der 1930er Jahre als Zimmermädchen in Wiesbaden. (Foto: Yad Vashem – Pages of Testimony Names Memorial Collection)

Am frühen Morgen des 11. Juni 1942 wurden Alfred und Mathilde Mannheimer mit 1.251 anderen Juden vom Bahnhof an der Großmarkthalle „nach dem Osten evakuiert“, um dort angeblich zu „arbeiten“, wie offiziell behauptet wurde. Der Deportationszug nach Sobibór über Lublin (Majdanek) und Izbica mit dem Kürzel „Da 18“ kam nach zwei Tagen Fahrt am 13. Juni 1942 im Konzentrationslager Majdanek an, das bis zum Frühjahr 1943 offiziell noch „Kriegsgefangenenlager Lublin“ hieß. Die Häftlinge wurden zunächst jedoch an einer Eisenbahnrampe im Lager „Alter Flugplatz“ aufgehalten. Dieses Zwangsarbeitslager für männliche Juden war ein Umschlagplatz für Hunderttausende und bestand vom 7. Februar 1942 bis zum 22. Oktober 1943. Aus dem Transport „Da 18“ wurden 188 bis 250 arbeitsfähige Männer – darunter auch Alfred Mannheimer – in das KZ Majdanek eingewiesen. Alle anderen Männer wurden in das Vernichtungslager Sobibór gebracht und dort sofort mit Motorabgasen ermordet.

Nach nur neun Wochen wurde Alfred Mannheimer (Häftlingsnummer 11345) am 16. August 1942 mit Kohlenstoffmonoxid-Gas aus Stahlflaschen in einer der beiden provisorischen Gaskammern vergast, die erst im August 1942 in einer Holzbaracke des Lagers Majdanek eingerichtet worden waren. Unmittelbar nach der Ermordung wurde Alfred Mannheimers Leichnam im Krematorium eingeäschert, das erst im Juni 1942 in Betrieb genommen wor­den war und von Anfang an unter der Leitung des SS-Hauptscharführers Erich Mußfeldt (1913-1948) stand.

Gemäß einer Anordnung des Reichsführers SS Heinrich Himmler (1900-1945) wurden im KZ Majdanek Frauen erst ab Oktober 1942 gefangen gehalten. Deshalb wurden nach der Ankunft des Deportationszuges in Lublin am 13. Juni 1942 Mathilde Mannheimer und alle anderen nicht gleich nach Sobibór verschleppten Frauen am 15. Juni 1942 in das 66 Kilometer südöstlich von Lublin gelegene Ghetto Izbica transportiert. Die rund 500 Meter von der Bahnstation Izbica in den Ort legten die Frauen zu Fuß zurück.

Die Häftlinge wurden auf die vorhandenen engen Wohnungen aufgeteilt oder mussten in Kellerräumen hausen. Oft waren mehr als zehn Familien in einem Haus unter unglaublichen Umständen zusammen untergebracht. In Izbica herrschte chronischer Wassermangel, und es gab keinerlei Medikamente und kaum Lebensmittel, so dass zunehmend viele Menschen an Hunger, Durst oder Krankheiten starben. Durchschnittlich waren es sechs bis acht Tote jeden Tag, die auf dem Friedhof oberhalb des Ortes beigesetzt wurden.

Nach nicht einmal vier Monaten Aufenthalt in Izbica wurde Mathilde Mannheimer, geb. Aumann, im Oktober 1942 in einem Güterwaggon der Bahn vom Ghetto Izbica über Chełm in das 87 Kilometer in nordnordöstlicher Richtung gelegene Vernichtungslager Sobibór im heutigen Dreiländereck zwischen Polen, der Ukraine und Weißrussland transportiert.

In Sobibór mussten die Häftlinge nach dem Verlassen des Zuges getrennt nach Geschlechtern antreten und sich in dem durch einen Sichtschutz abgeschirmten, von dem Fleischer und SS-Untersturmführer Paul Rost (1904-1984) geführten Lagerabschnitt II vollständig entkleiden, weil sie angeblich aus „Hygienegründen“ duschen sollten und ihre Kleidung desinfiziert werden müsste. Um keine unnötige Unruhe zu provozieren, blieben Kinder bei den Frauen. Anschließend – so die beschwichtigende Lüge – würde jedem ein Becher Tee gereicht.

Meine jüngsten Forschungen über die Juden in Eisenbach haben ergeben, dass Mathilde Mannheimer, geb. Aumann, Anfang Oktober 1942 in der Gaskammer des Vernichtungslagers Sobibór unter dem Kommando des österreichischen Kriminalpolizisten und SS-Hauptsturmführers Franz Karl Reichleitner (1906-1944) ermordet wurde. Mathilde wurde zusammen mit etwa 40 bis 60 ahnungslosen Frauen im Rahmen der „Aktion Reinhardt“ unter der Leitung und unmittelbaren Beteiligung des brutalen Berliner Oberwachtmeisters und SS-Oberscharführers Erich Hermann Bauer (1900-1980) in einer der sechs Gaskammern mit Motorabgasen erstickt. Die tödlichen Abgase kamen aus einem Flugzeug-Aggregat aus Beutebeständen der französischen Armee, das nach Empfehlung eines Chemikers auf eine bestimmte Drehzahl eingestellt war. Die Opfer waren nach zehn bis zwanzig Minuten tot. Gleich nach ihrem Tod wurden sie in nahe gelegenen Gruben auf Rosten aus Eisenbahnschienen verbrannt, ihre Asche wurde in Massengräbern verstreut. Nichts sollte von ihnen übrig bleiben.

Am 6. Oktober 2017, dem zweiten Tag des jüdischen Feiertages Sukkot (Laubhüttenfest), haben meine Frau Jutta und ich für die Gedenkallee in Sobibór einen Gedenkstein zur Erinnerung an Mathilde Mannheimer, geb. Aumann, gestiftet, um ein Zeichen zu setzen für Humanismus, für die Werte unserer Kultur und für ein menschliches Miteinander.

Der Text ist ein Kapitel aus dem soeben erschienenen, abschließenden dritten Band der Trilogie „Unvergessene Nachbarn“ von Dr. Bernd A. Weil: Die Geschichte der jüdischen Familie Aumann. Neue Fotos, Relikte und Dokumente. Norderstedt 2019, S. 18ff.

Das Buch ist sowohl beim Autor als auch in der Selterser Buchhandlung Linz, in der Bad Camberger „Bücherbank“ und in jeder anderen Buchhandlung zum Preis von € 30,- erhältlich.

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