Tod in der Mühle

Oder, weshalb Eisenbach vorübergehend Mordbach genannt wurde.

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Kurz nach der Jahrhundertwende, um die Zeit zwischen 1900 und 1910, wurde die Silber- und Bleimine „Vereinigung“, die in Eisenbach in Richtung Hof Hausen liegt aufgelassen, das heißt stillgelegt. Die Mine wurde nicht mehr weiter betrieben. Wegen den ständigen Wassereinbrüchen, die die Schürfarbeiten sehr erschwerten, mussten die Arbeiten oft tagelang unterbrochen werden. Hatte man einen Wassereinbruch abgedichtet oder umgeleitet, erfolgte an einer anderen Stelle ein neuer Bruch. Das verteuerte die Arbeit so sehr, dass man sich entschloss, die Grube aufzulassen, das heißt, die Arbeit einzustellen.

Außerdem kamen ständige Reiberein mit einem nahen gelegenen Brunnenbesitzer hinzu, der befürchtete, man würde ihm das Wasser abgraben. Die Grube wurde dann 1901 endgültig geschlossen und man begann mit dem Abbauen. Alle Maschinen, Gerätschaften, Gleise und sonstiges bewegliche Inventar wurde ab- und weggeschafft.

Wie uns unser Großvater, der Gastwirt und Bäckermeister, Heinrich Berninger, immer erzählte, mussten die Grubenpferde, die unter Tage die schwer gefüllten Loren ziehen mussten, in der Grube zurückbleiben. Die ständige Dunkelheit in der sie ihr Leben verbringen mussten, hatte sie erblinden lassen. Viele Kinder (wie wir wissen, arbeiteten fast ständig 20-30 Kinder in der Grube) und fast 100 Erwachsene verloren ihre Arbeit. So verlor auch der Sprengmeister, H. Karst, seine Arbeit.  Da er sonst keine andere Arbeit gelernt oder keine Lust hatte etwas Anderes zu tun, lungerte der Karst meistens in der Gegend oder in einem Wirtshaus herum.  Ab und zu nahm er kleine Gelegenheitsarbeiten an, um sich etwas Geld für seine Wirtshausbesuche zu verdienen.  Er legte keinen Wert auf sein Äußeres oder seine Körperpflege und so lief er meistens mit einem verfilzten, verschmutzten Vollbart durch die Gegend und machte dadurch keinen vertrauenerweckenden Eindruck auf seine Mitbewohner von Eisenbach und erst recht nicht auf die Eisenbacher Kinder.

Rechts eingezeichnet die ehemalige Mühle am Hauser Weg.

Ca. 200 m oberhalb des Stolleneinganges und der Abraumhalde, wo Kramerschs Häuschen draufsteht, Richtung Hof Hausen, stand damals die Kornmühle des Scholzen- Müllers.  Nach dem Tod ihrer Eltern, übernahmen die beiden Geschwister, Johann und Sophie die Mühle.  Beide waren noch unverheiratet.  Die Schwester des Müllers, Sophie, gab dem arbeitsscheuen und arbeitslosen Sprengmeister Karst ab und zu ein paar Reste von ihren Mahlzeiten ab, die dieser gerne entgegennahm.  Aus dem anfänglichen Mitleid für den Arbeitslosen, wurde wahrscheinlich im Laufe der Zeit etwas mehr Liebe.

Gegen den Willen ihres Bruders ließ sie sich im Laufe der Zeit auf eine Liebelei mit dem Karst ein. Ihr Bruder wetterte dagegen. Aber alles Reden und Schimpfen half nicht. Aus den Vorhaltungen, die der Bruder seiner Schwester machte, erwuchs sehr bald heftiger Zank und Streit. Als er ihr dann noch den endgültigen Umgang mit dem Karst verbot und nicht mehr in die Mühle ließ, kam es zum Bruch zwischen den Geschwistern. Sophie musste die Mühle verlassen.

Der Karst und seine Geliebte, sannen nun auf Rache. In einer kalten, diesigen Novembernacht ließ eine gewaltige Explosion im nahen Eisenbach, alle Fenster erzittern. Obwohl sich Eisenbach nach dem Großfeuer, das durch die brennenden Schwäne verursacht worden war, jetzt weiter unten an der neu erbauten Kirche befand, war die Detonation so heftig, dass alle Eisenbacher, die schon in ihren Betten lagen, erschrocken aus ihren Betten sprangen.  Sie glaubten erst an ein schweres Gewitter.

Aber ein Gewitter im November?  Das wäre doch höchst selten. Bis man sah, dass sich der Himmel in Richtung Hof Hausen rot färbte.  Und schon schrien Leute: „Feuer, Feuer! Scholze Mill brennt“. (Hier zitierte mein Großvater immer eine Zeile aus einem Gedicht von Eduard Mörike:“ Hinterm Berg, hinterm Berg, brennt es in der Mühle“!)

Tatsächlich stand die Mühle in hellen Flammen. Der damalige Feuerwehr-Kommandant Wilhelm Kühn lief mit seinem Feuerwehrhorn sofort durch Eisenbach und blies: „Feurio, Feurio“, und die ersten Helfer liefen schon in Richtung Scholze Mill.

Was war geschehen? Die Antwort wurde schnell gegeben. Die ganze Mühle lag in Trümmern und die Flammen hatten das ganze Gebälk bereits erfasst. Schnell stellte man fest, dass nur eine Explosion diesen Schaden verursacht haben konnte. Der Müller und sein Knecht wurden unter den Trümmern tot geborgen. Der Verdacht richtete sich sofort gegen den Sprengmeister, denn im Dorf kannte sich keiner so gut mit dem Sprengstoff aus wie der Karst. Das ganze Dorf suchte nun nach ihm. Schnell wurde man fündig. Wilhelm Staat, der Vater von Josef und Franz Staat, gab den entscheidenden Hinweis.  Er sah den Karst in einem Ahlen in der Bachstraße laufen. Dort versteckte er sich hinter einem Holzstapel.

Ein Ahlen war ein enger Gang zwischen zwei Häusern. Der Ortsgendarm und Feuerwehrkommandant, Wilhelm Kühn nahm den nach Fusel riechenden Verdächtigen fest und führten ihn in das Gemeinde-Kittchen. Dieses befand sich neben der alten Volksschule. Dort sollte er gefangen gehalten werden, bis ihn die Gerichtsdiener von Limburg hier abholen würden. Doch es kam leider etwas anders.

Ein kleiner Bub mit Namen Toni spielte auf der Straße vor dem Fenster des Kittchens. Durch das vergitterte Fenster rief der Karst den Kleinen an und bat ihn ein Messer zu holen, damit er sich eine Scheibe Brot abschneiden könne.Hilfsbereit lief der kleine Toni nach Hause und holte für den Eingesperrten ein Messer und reichte es ihm durch die Gitterstäbe. Dann wurde es still.

Als einige Stunden später die Tür des Kittchens aufgemacht wurde, um den Karst nach Limburg zu holen, bot sich den Gerichtsdienern ein grausiger Anblick: der Karst hatte das Brotmesser dazu benutzt, um sich der irdischen Gerechtigkeit zu entziehen. Wie es im Amtsdeutsch hieß: er hat sich selbst entleibt.

Seine Geliebte, die Sophie, wurde der Mittäterschaft überführt und kam für lange Jahre in das Zuchthaus.

Von ihr hat man später nie wieder etwas gehört.

 

Aufgeschrieben und erzählt von Heinz und Edmund Hartmann

 

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