Ein Fels aus Stein

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Von Julia Hartmann und Christian Heinz

Auf den sogenannten Steinfels – im Jahre 1380/81 erstmals als Flurname belegt – blickt man, sowohl wenn man von der B8 in die Straße, die nach Eisenbach führt, einbiegt, als auch über die Landstraße von Dauborn kommend. Für mindestens 60 Jahre war im Steinfels mal eine Grube in Betrieb, aus der Blei- und Kupfererze gewonnen werden sollten – der Name: Hoffnung II. Hierfür wurde ein Stolleneingang gebaut. Erste Schürfarbeiten fanden ab dem Jahr 1834 statt, im Januar 1871 erging die Verleihung der Grube auf Bleierz an den „Bergverwalter August Schaus aus Wetzlar“.

„1872-1876 wurden dann Aufschlussarbeiten durchgeführt; es gab jedoch Probleme wegen der Nachbarschaft zum Niederselterser Brunnenfeld. 1896/97 wurde an der Gemarkungsgrenze gegen Eisenbach ein 60 m-Stollen und zwei Schächte angelegt. Der letzte Bergwerkseigentümer war die Gewerkschaft Neuehoffnung II zu Eisenbach. Das Bergwerkseigentum erlosch am 21.5.1990.“

Die Gangquarzvorkommen im Bereich von Niederselters, Oberselters und Eisenbach, S. 7

Auszüge aus einer Gemarkungskarte aus dem Jahr 1867 (Quelle: Gemeinde (Selters))

Der Fels bot genügend Steine, um eine Kirche für Eisenbach zu bauen. Mehrere Wagen wurden mit Steinen beladen, von Pferden ins Dorf gezogen. Jakob Bös, geboren 1885, war einer der Fuhrleute, der Vater hatte ein Pferd und einen Wagen.

Das Gelände oberhalb des Felsen wurde landwirtschaftlich genutzt, bis in den 1960er-Jahren drei große Mietshäuser durch eine Berliner Baufirma errichtet wurden. Das Gelände hatte eine Größe von rund 30 Hektar und bestand aus 65 kleinen Grundstücken. Verkäufer waren Eisenbacher und Niederselterser Landwirte sowie die (damaligen) Gemeinden Eisenbach und Niederselters. 1961 unterstützten beide Gemeinden die geplante Einrichtung eines „Kur- und Erholungsbades mit Hallenbad, Tennisplätzen und Parkanlagen“, das der Kaufmann Willi Schütz aus Frankfurt – ein gebürtiger Niederselterser – am Steinfels erbauen wollte. Der Eisenbacher Bürgermeister Paul Zöller erzählte später, Schütz habe den Ankauf bar bezahlt.

Willi Schütz und seine Immobiliengeschäfte

Willi Schütz (1920 geboren, 2001 gestorben) war zu dieser Zeit kein Unbekannter. Er war Maurermeister, half beim Wiederaufbau der Paulskirche in Frankfurt nach dem Zweiten Weltkrieg und stieg nach dem Krieg ins Immobiliengeschäft ein. Und: Er besaß ab den 1960er Jahren mehrere Bordelle – unter anderem in Frankfurt und München.

„[Willi Schütz] baute und beherrschte nach eigener Angabe drei ‚Eros-Center‘ in Frankfurt, Wiesbaden und München (‚Leierkasten‘) mit Liegestätten für 224 Damen, zehn Mietshäuser mit 240 Appartements in Frankfurt und Berlin, die ebenfalls auf öffentliches Interesse stoßen, fünf Kontakt-Kneipen mit Dirnen-Diensten in Mainz und Berlin, dazu zwei Auto-Parkhäuser in Kiel und Mainz.“

Quelle: Spiegel-Artikel „Alles piccobello“

Das war auch in Eisenbach und der näheren Umgebung nicht unbekannt: Im Volksmund erhielt er entsprechende Spitznamen. „Bauunternehmer“ Schütz, der bereits Unterkünfte für Prostituierte in der Frankfurter Westendstraße und in der Schützenstraße besaß, erhielt 1968 die Erlaubnis, sein Eros-Center in der Elbestraße im Frankfurter Bahnhofsviertel zu eröffnen – das erste dieser Art in Frankfurt. Dies geschah auf Initiative des damaligen Polizeipräsidenten, der sich folgende Gegenleistung versprach: Schütz würde dafür Sorge tragen, dass das horizontale Gewerbe in den inoffiziellen Häusern eingedämmt werde, gar gänzlich unterbliebe. Im Sommer 1969 konnte Schütz die „multifunktionale Anlage“ eröffnen. Pro Zimmer und Nacht verlangte Schütz 40 D-Mark, Zuhälter sollten draußen bleiben: „Jede Frau, die ihren Freund auf dem Kontakthof oder in ihrem Zimmer empfängt, muss mit einem sofortigen Auszug rechnen“, soll Schütz erklärt haben. Ein Polizeisprecher wusste anderes zu berichten: „Wir glauben, die Verwaltung des Hauses hat die Verhältnisse nicht mehr richtig im Griff.“ Da half auch nicht ein ehemaliger Berufsboxer und mehrmaliger deutscher Meister – „seine rechte Hand“ – der als „technischer Direktor“ im neuen Bordell eingesetzt war.

Mehrere Zeitungsartikel beschreiben Willi Schütz wie folgt: ein „Zwei-Zentner-Mann“ und ein „flexibler“ und „vielseitiger Unternehmer“, ein „Baumensch“, der „hemdsärmelig“ und „fair“, aber „nicht vornehm“ agiert haben soll. Er sei von der Konkurrenz respektiert worden. Glaubt man den Zeitungsberichten über ihn, so ließ er sich auch nichts gefallen – auch nicht die Bestrebungen der Stadt Frankfurt, eine Sperrgebietszone einzurichten. Kämpferisch soll er seine Interessen vertreten haben – nicht verwunderlich, wenn ihn seine „Liegenschaften“ in Frankfurt allein etwa 20 Millionen D-Mark gekostet haben sollen.

Sein „Bordell-Imperium“ wuchs innerhalb Deutschlands an. Häuser in München, Hamburg, Berlin, Wiesbaden, Mainz und Leipzig kamen hinzu.

Die Bild-Zeitung „krönte“ ihn zum „König des Bahnhofsviertels“, die FAZ zu „Deutschlands König der käuflichen Liebe“. Später ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen des Verdachts des Konkursbetrugs. Deshalb saß er auch in Untersuchungshaft. Der Verdacht: Schütz habe Vermögen in Höhe von mindestens 20 Millionen D-Mark „verheimlicht oder beiseite geschafft“.

„[…] 1966 erlitt der gelernte Maurer bei riskanten Geldgeschäften schwere Verluste, und die Staatsanwaltschaft entdeckte später bei der Überprüfung eines Konkursantrages, daß Schütz seiner Mutter und seiner Ehefrau Erika (die sich wegen Beihilfe in einem abgetrennten Verfahren verantworten muß) den Nießbrauch an seinen Liegenschaften eingeräumt hatte, um so ‚den Wert des umfangreichen Grundbesitzes auszuhöhlen‘.“

Quelle: Spiegel-Artikel „Geistig abwesend“

Die drei Wohntürme auf dem Steinfels, der schon vor 200 Jahren sowohl zu Eisenbach als auch zu Niederselters gehörte (wobei auf Eisenbach der größere Teil entfällt), soll Willi Schütz gebaut haben, damit dort seine „Mitarbeiterinnen“ aus ganz Deutschland Erholung finden konnten. Ob und wie viele Prostituierte tatsächlich dies nutzten und wie lange sie in den Häusern weilten, ist unbekannt.

Blick zum unbebauten Steinfels, Quelle: Albert Schorn
Ansichtskarte mit Blick über Niederselters zur MPS und zum Steinfels

Willi Schütz wohnte zuletzt in Oberursel-Weißkirchen. Seine Tochter Ulrike verstarb 2023 und wurde in Niederselters beigesetzt.

Die Zeugen Jehovas erwerben 1979 das Areal

Auf dem Fels thronen heute noch die drei großen Wohnhäuser, die von Jehovas Zeugen bewohnt werden. Gemäß Urkunde erwarben die Zeugen Jehovas am 31. März 1979 das Areal mit den Gebäuden.

Die Hochhäuser in den 1970er Jahren

Doch dass die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft ihren Standort nach Selters verlegte, ist eigentlich einem Zufall zu verdanken: Diese hatte ihren Standort viele Jahre in Wiesbaden, in der Greifstraße 4. Aufgrund der Umstellung auf Offsetdruck und des wachsenden Bedarfs an Bibeln und Literatur reichten die vorhandenen Gebäudeanlagen nicht mehr aus. Daher wurde beschlossen, im Raum Wiesbaden, wegen der zentralen Lage, nach geeignetem Bauland zu suchen. Innerhalb eines Jahres wurden über 120 Grundstücke geprüft, doch keines erfüllte die Anforderungen für eine Nutzung als Druckerei, Bürogebäude und Wohnungen für ca. 1.000 Personen. Bei einer Fahrt zu einer Baulandfläche in der Limburger Gegend wurden sie von der Autobahn aus auf einen Gebäudekomplex (Mittelpunktschule zwischen Eisenbach und Niederselters) mitten in Wiesen und Feldern aufmerksam. Ein Gespräch bei einer Planungsbehörde in Wiesbaden ergab, dass diese Fläche als Sonderbaugebiet ausgewiesen war. So traten die Zeugen Jehovas in Verhandlungen mit dem damaligen Bürgermeister Wältermann – und eben Willi Schütz, der den größten Teil des restlichen Sonderbaugebiets besaß. Die Verhandlungen waren erfolgreich und führten dazu, dass das Land gekauft und bereits Ende 1979 mit den Bauplanungen beginnen werden konnte.

Das Areal, das Schütz gehörte, wurde direkt von ihm und seiner Frau Erika Schütz, geb. Minga, abgekauft. Erika Schütz wohnte zu dieser Zeit in der Liebigstraße 48 in Frankfurt am Main. Danach begannen die umfangreichen Umbaumaßnahmen der Wachtturm-Gesellschaft. Diese soll mit der Gemeinde Selters – so die Auskunft des späteren Bürgermeisters Norbert Zabel – stets eine gute und faire Zusammenarbeit gepflegt haben. Dies können die Zeugen Jehovas bestätigen: „Wir schätzen die gute Kooperation mit der Gemeindeverwaltung und auch unsere freundlichen Nachbarn der Gemeinde Selters.“

Das Luftbild zeigt die große Baustelle und Umbaumaßnahmen nach dem Kauf durch die Wachtturm-Gesellschaft (Ansichtskarte, September 1982, Luftbild erstellt durch das Regierungspräsidium Darmstadt), im Hintergrund Eisenbach.

Am 21. April 1984 wurden die Gebäude offiziell eingeweiht. Auf dem Gelände befinden sich heute neben den Wohnungen eine Druckerei. Es handelt sich dabei um das Zweigbüro „Zentraleuropa“ der Wachtturm-Gesellschaft, das Verwaltungs- und Druckzentrum in Deutschland. Die Zeugen Jehovas nennen das Zweigbüro auch „Bethel“, hebräisch für „Haus Gottes“. Das Besucherzentrum beherbergt mehrere Ausstellungen zur Historie.

1.050 Personen haben ihren Wohnsitz am Standort, die dort auch arbeiten. Durch temporäre Helfer und Gäste leben dort zeitweise 1.100 bis 1.200 Menschen. In der Druckerei wird biblische Literatur gedruckt, gebunden und versandfertig gemacht. Auf einer Rollenoffsetmaschine werden Zeitschriften, Broschüren, Traktate und Druckbogen für Bücher im Vierfarbendruck hergestellt. Pro Stunde können in einem Arbeitsgang bis zu 200.000 Zeitschriften (16-seitig) gedruckt, gefalzt, geleimt, geschnitten und in Folie verpackt werden. Formulare, Kongressprogramme, Buchumschläge usw. werden auf kleineren Maschinen gedruckt. Das Literaturlager enthält über 8.000 verschiedene Produkte in 340 Sprachen. Die bekanntesten Zeitschriften sind „Der Wachtturm“ und „Erwachet!“. Die Versandabteilung verschickt die Literatur in viele Länder in Afrika, Zentralasien und Europa. In der Druckerei gibt es auch eine Handbuchbinderei, die neben anderen Dingen auch alte Bibeln für das Museum restauriert.

Diese Ansichtskarte zeigt das Areal nach Fertigstellung der Umbaumaßnahmen.

Am 13. Juni 2006 wurde Jehovas Zeugen der Körperschaftsstatus in Berlin verliehen, der dann auf alle Bundesländer erweitert wurde. Dieser Status stellt sie mit den Großkirchen auf eine gleiche rechtliche Ebene, schützt vor Diskriminierung und gibt Jehovas Zeugen die nötigen Freiheiten zur Religionsausübung.

In Selters ist die Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft der Zeugen Jehovas, e. V. aktiv. Dieser Verein ist eine Rechtskörperschaft von Jehovas Zeugen, der hauptsächlich die Verlagstätigkeiten (Übersetzen, Herstellen und Drucken von biblischer Literatur) für die Religionsgemeinschaft übernimmt. Daneben hat die Religionsgemeinschaft Jehovas Zeugen in Deutschland, K. d. ö. R., die ihren Sitz in Berlin hat, am Steinfels ihr Zweigbüro (Verwaltungszentrum).

Die drei Wohntürme mit der Anlage der Zeugen Jehovas heute, Quelle: Wachtturm-Gesellschaft

Quellen:

„VORM STEINFELS“, in: Hessische Flurnamen <https://www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/fln/id/565559> (aufgerufen am: 14.11.2025)

Christian Heinz: Die Grube. Eisenbach – Einst und Jetzt. https://eisenbach-einst-und-jetzt.de/die-grube (letzter Zugriff: 23.10.2025).

Günter Sterrmann: Die Gangquarzvorkommen im Bereich von Niederselters, Oberselters und Eisenbach. Geo-Zentrum. http://rolle.bplaced.net/schriften/minerale/M17-selters_gangquarzvorkommen.pdf (letzter Zugriff: 07.12.2025).

Taunusmineralien.de: Grube Vereinigung Eisenbach. https://taunusmineralien.de/grube-vereinigung-eisenbach.html (letzter Zugriff: 23.10.2025).

Gemeinde Selters (Taunus): Schriftliche Auskunft vom 11.11.2025.

Klaus Janke (2019): Banker, Bordelle & Bohème. Die Geschichte des Frankfurter Bahnhofsviertels. Begleitbuch zu einer Ausstellung des Instituts für Stadtgeschichte.

Spiegel: „Eine Weide, die nach Schlachthof riecht“, Artikel vom 22.03.1987. https://www.spiegel.de/politik/eine-weide-die-nach-schlachthof-riecht-a-47b48fc0-0002-0001-0000-000013523065 (letzter Zugriff: 21.10.2025).

Spiegel: Alles piccobello, Artikel vom 20.11.1972. https://www.spiegel.de/politik/alles-picobello-a-1e34f6f6-0002-0001-0000-000042787649 (letzter Zugriff: 23.10.2025).

Spiegel: Geistig abwesend, Artikel vom 05.01.1975. https://www.spiegel.de/politik/geistig-abwesend-a-a2cef9bb-0002-0001-0000-000041558801 (letzter Zugriff: 24.10.2025).

Spiegel: Willi Schütz, Artikel vom 25.08.1985. https://www.spiegel.de/politik/willi-schuetz-a-94c34c90-0002-0001-0000-000013516317 (letzter Zugriff: 24.10.2025).

Jehovas Zeugen: Tag der offenen Tür auf dem Steinfels. https://www.jw.org/de/jehovas-zeugen/aktivitaeten/bethel/tag-der-offenen-tuer-bethel-deutschland/ (letzter Zugriff: 21.10.2025).

Jehovas Zeugen: Schriftliche Auskünfte vom 17.10.2025 und 18.12.2025.

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