Sieben Jahrzehnte kaufmännisches Wirken in Eisenbach
„Ohne dich schlaf‘ ich heut Nacht nicht ein
Ohne dich fahr‘ ich heut Nacht nicht heim
Ohne dich komm‘ ich heut nicht zur Ruh‘
Das, was ich will, bist du“
Laut ertönten die Musikzeilen, der Bass dröhnte. Die Zuhörer lauschten beseelt der Musik oder sangen den bekannten Text mit. Es war August 1986. Nicht nur die Eisenbacher waren in Scharen zur Festhalle gelaufen, die Halle war voll. Kein Wunder: Die „Münchener Freiheit“ gab ein Konzert.
Als der letzte Ton verklang und wieder Ruhe in dem Taunusdorf einkehrte, waren auch die Kinder von Heinz und Jetti Hartmann wieder zu Hause. „Es war weit nach Mitternacht, da hat es geknistert und wir fragten uns: Machen die jetzt noch Feuerwerk?“, erinnert sich Marietta. „Ich schaute aus dem Fenster und auf einmal brannte die Tanne vor dem Haus lichterloh.“ Aber es war der Laden, der brannte. Die Feuerwehr – durch das Konzert an Ort und Stelle – war schnell da. Trotzdem war der Schaden immens, die Lebensmittel mussten weggeworfen werden. Viele Helfer standen parat, um alles aufzuräumen und zu reinigen. Auch Sohn Clemens, der mit seiner Frau Edith zu der Zeit einen Spar direkt an der Düne auf Sylt leitete, kehrte früher zurück, um beim Aufbau zu helfen.
Die Brandursache war schnell gefunden: Hinten, bei den Maschinen für die Kühlung, hatte es einen Kurzschluss gegeben. Alles verqualmt. „Das war ein großer Rückschlag“, so Heinz Jürgen.
Anfänge
In den 1930er Jahren fing alles an: 1932 eröffnete Georg Hartmann auf der „Boi“ (Wilhelmstraße) ein gutgehendes Lebensmittelgeschäft. In einem verputzten Fachwerkhaus befand sich der Laden. Drei Generationen lebten in dem Haus.
Der Raum war zwar klein, bot aber so allerlei Waren in den hohen oder halbhohen Regalen für die Kundschaft. „Wir geh’n zu Schorsche“, hieß es, wenn der Einkauf anstand.

„Onkel Schorsch“, wie er nur von allen genannt wurde, war „eine Institution“ in Eisenbach, weiß sich Clemens an seinen Opa zu erinnern. Er war bekannt für seinen Humor und seine kleinen Scherze. „Er war ein Magnet und hat gerne Blödsinn mit den Kindern gemacht“, so Clemens. Im großen Geschäft, das sein Sohn Heinz und die Schwiegertochter Jetti, in den 1950er Jahren übernahmen, saß er meist auf einem runden, höhenverstellbaren Schemel gegenüber der Kasse in einer Ecke. Alle Kinder, die kamen, bekamen einen Keks. „Er lebte für das Geschäft“, so Marietta.
Nach Feierabend ging er gerne in die Gesangsprobe seines MGV „Liederkranzes“. Georg Hartmann feierte gut und gerne, er war immer als Letzter da und bei seinem Stammtisch bei „Schummersdäsch“ anzutreffen. „Mein Opa pflegte immer zu sagen: ‚Eine gute Gesellschaft hebt man nicht auf‘“, erinnert sich Marietta lachend.
Georg (1906-1983) und seine Frau Agnes Hartmann, geb. Berninger (1904-1972), hatten eines der ersten Telefone im Ort. Für die gesamte Nachbarschaft wurden Telefonate entgegengenommen und die Nachbarn dann zum Telefon gerufen.

Georg Hartmann war in unzähligen Vereinen Eisenbachs aktiv: im Fußballclub „Vorwärts“, im „Liederkranz“ (seit 1924), im Schießklub, im Kirchenchor (ab 1930). Zudem bekleidete er auch Ehrenämter, beim Kirchenchor (als Vorsitzender), bei der Feuerwehr (als stellvertretender Feuerwehrkommandant), beim Fußballclub und „Liederkranz“ (als Schriftführer). Auch im Verschönerungsverein war er aktiv. Von 1953 bis 1963 war er Vorsitzender, ab 1973 Ehrenvorsitzender des „Liederkranzes“, wurde Ehrenmitglied des TUS Eisenbach.
Das Geschäft in der Wilhelmstraße 29

Georg Hartmann war Polsterer. Mit der neuen Währung, der Rentenmark, ab 1923 ging er nach Oberselters und reparierte Pferdegeschirr und erneuerte Matratzen für zwei Rentenmark und Essen, später auch in Eisenbach. 1924 fand er schließlich in Biebrich bei der Firma G. A. Holz eine Stelle als Polsterer und Tapezierer. Hatten sich in Eisenbach genügend Bestellungen zum Erneuern von Betten und Matratzen angehäuft, so konnte er diese Aufträge durchführen. Die Anzahl der Aufträge wuchs an, Georg Hartmann meldete 1927/1928 seinen Betrieb an. Im Frühjahr 1929 richtete er auf dem Speicher seine Sattlerwerkstatt in der Adolfstraße ein. Das Geschäft lief gut – bis zum sogenannten „Schwarzen Freitag“. Die Arbeiter verloren ihre Arbeit, die Kunden zahlten nicht mehr für ihre Aufträge und so belief sich der Schuldenberg bis zum Jahresende 1930 auf ca. 3.000 Rentenmark. Bald kamen allerdings wieder Aufträge rein und das Paar sah sich nach einem Bauplatz um.
Fündig wurden sie schließlich in der Wilhelmstraße 29. Darin befand sich ein kleines Lebensmittelgeschäft, das fortan Georgs Frau Agnes führte. Ihr Mann musste ihr aber immer häufiger im Laden aushelfen. Schließlich gab er das Polstern ganz auf und wurde: Kaufmann.
In dieser Zeit gab es kaum Feierabend, Sonn- und Feiertage kannte die Familie auch nicht. Alle vier Wochen lieferte die Firma Hammerschlag die Lebensmittel an und füllte Keller, Hausflur und Speicher. Die Gebinde wogen meist zwei Zentner und die Säcke und Fässer mussten durch enge Stiegen hochgetragen werden.
1954 sollte angebaut werden. Georg Hartmann beantragte daher am 22. August 1954 bei der Baugenehmigungsbehörde in Limburg, das bestehende Wohnhaus um fünf Meter nach Süden zu erweitern.

Das Geschäft in der Wilhelmstraße 27
Eine alte mechanische Registrierkasse stand auf dem Tresen. Die Ware war ansprechend und ordentlich in den Regalen drapiert und aufgereiht. Werbung der Schokoladenmarke Sarotti hing im Laden. An der Frischtheke, wo sich auch eine mechanische Waage befand, begrüßten Heinz und Jetti ihre Kunden herzlich. Die Molkereibutter war gerade im Angebot, 250 Gramm für 1,73 D-Mark. Im Geschäft roch es gut nach frisch gemahlenen Kaffee. Die Eisenbacher kauften den „Jacobs Kaffee“ sehr gerne. Die Bohnen wurden abgewogen, dann noch im Laden durch die Mühle gejagt. „Jacobs Moccapress“ war der Preisschlager der Woche: 3,85 D-Mark für die Packung.
„Benutzen Sie den Einkaufswagen … es geht wirklich nicht bequemer“ hieß es auf einem großen Schild. Die Familie Hartmann, die den Eisenbacher Spar führte, war immer sehr innovativ, „schaute über den Tellerrand hinaus“, erinnert sich Clemens. So war das Geschäft mit ein paar wenigen anderen die ersten Selbstbedienungsläden, in denen die Kundschaft mit Einkaufswagen einkaufen gehen konnte. Nach und nach probierten die Eisenbacher diesen neuen Trend aus und stellten schnell fest: So ließ sich die Ware wirklich leichter bis zur Kasse transportieren.
„Wir hatten sogar einen Lieferdienst“, erzählt Heinz Jürgen Hartmann stolz. Seine Eltern hatten diesen Service neu angeboten – ausgefahren wurde von allen Kindern der Familie und auch von der Schwiegertochter.
Neue Trends entdecken und einführen, das geht natürlich am besten im Erfahrungsaustausch. Heinz Hartmann sowie seine Kinder waren daher immer mal wieder weltweit unterwegs, um die Organisation und den Konzern Spar besser kennenzulernen, darunter in Johannisburg und Moskau oder in Finnland und den USA.
Tülay Cinar war 15 Jahre alt, als sie ihre Ausbildung 1981 begann. Sie wohnte damals in der Helenenstraße und hatte einen kurzen Arbeitsweg. Sie schwärmt heute noch von der Zeit im Geschäft, es sei ihr „zweites Zuhause“ gewesen. „Ich habe mich gefühlt wie in einer Familie“, so Tülay. Heinz – ihr Chef – habe ihr, wenn es die Arbeit zuließ, immer bei den Hausaufgaben geholfen. „Ohne ihn und auch Franz-Josef Rembser, der mir Nachhilfe gab, hätte ich wahrscheinlich nicht die Lehre gemacht und geschafft“, da Tülay erst im Alter von zehn Jahren nach Deutschland gekommen war und insgesamt nur fünf Jahre die Schule besucht hatte. In der Mittagspause wurde gekocht und auch Tülay war dabei, wenn die gesamte Familie zu Mittag aß. „Nach dem Essen wurde dann sauber gemacht“, erzählt Tülay. An den samstäglichen Putztrupp kann sich auch Schwiegertochter Agnes noch gut erinnern. Bis 1986 arbeitete Tülay als Verkäuferin im Laden, wog das Obst für die Kundschaft ab, fuhr mit Marietta am Freitag die Ware aus und brachte die Kisten und Tüten an die Haustüren der Kunden.
Zwar gab es offizielle Öffnungszeiten, doch wenn mal ein Eisenbacher etwas auch sonntags benötigte, dann ging jemand aus der Familie mit in den Laden und der Kunde erhielt, was er sich wünschte.
Vor dem Spar gab es auch mal Sonderaktionen, zum Beispiel zwei große Aufsteller „Pikantje van Gouda“ mit lebensgroßen Holländerinnen in Tracht und jeweils drei großen Käselaibern, die vor dem Eingang standen, daneben Marietta, Heinz‘ Tochter, und Gabi Pötz, die im Geschäft angestellt war. Auch Schwiegertochter Edith erinnert sich an den Probierstand mit Verkäuferinnen als „Antje aus Holland“ verkleidet. Auf einem Schild stand: „Wer schätzt am Besten?“ Jetzt ist der Kunde gefragt! „Setzen Sie selbst das Messer an. Wenn Sie genau 500g treffen, erhalten Sie das Stück umsonst!“

Eine Kaufmannsfamilie
Georg Hartmann und seine Frau Agnes hatten zwei Söhne – Heinz und Edmund. Beide machten eine kaufmännische Lehre. Nach der mittleren Reife an der Tilemannschule Limburg absolvierte Heinz seine Ausbildung und stieg in den familiären Betrieb ein, übernahm in den 1950er Jahren das Geschäft zusammen mit seiner Ehefrau Jetti. Vorher war Heinz bei Jacobs angestellt, belieferte alle Tante-Emma-Läden im Taunus mit Kaffee, in 500g-Packungen. Er absolvierte eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann bei der Firma Peter Josef Hammerschlag in Limburg, einem Spar-Großhändler.
Auch die darauffolgende Generation – Schorschs Enkel Heinz Jürgen, Clemens, Marietta und Stephan – sie alle machten eine kaufmännische Lehre oder studierten in diesem Bereich.
Heinz Jürgen begann nach dem Abitur, diversen Praktika und der Bundeswehrzeit 1978 mit der Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, absolvierte zusätzlich die Ausbildung zum Handelsfachwirt. Doch er merkte schnell, dass ihn das Studium für Luft- und Raumfahrt in Stuttgart viel mehr interessierte. Clemens schloss die Ausbildung zum Verkäufer und Einzelhandelskaufmann auch ab, lernte in Limburg bei der Firma Hammerschlag – so wie der Vater – und schloss ebenso den Handelsfachwirt ab. Mit seiner Frau Edith führte er ein Jahr lang die Sparfiliale in Mensfelden, anschließend drei Jahre lang in Wörsdorf, bis 1985 die Vermieterin Eigenbedarf anmeldete. Marietta absolvierte ebenso die Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau und betrieb den Spar in Mensfelden 17 Jahre lang, bis 1993. „Silvester wurde Inventur gemacht“, erinnert sich Heinz Jürgen. Auch der jüngste der Kinder, Stephan, schloss die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei der Limburger Firma Peter Josef Hammerschlag ab.
Die Filialen in Mensfelden und Wörsdorf wurden schließlich aufgegeben. „Du warst nur noch der Notnagel, die Leute haben bei den großen Supermärkten eingekauft. Und die Vermieter wollten in Mensfelden dann auch nochmal die Miete erhöhen, das konnte man nicht mehr auffangen“, so Marietta rückblickend.
Doch dann rollte auch die letzte Packung Kaffee, das letzte Stück verpackter Käse, der letzte Sack Kartoffeln über das Kassenband im Eisenbacher Spar der Familie Hartmann. Das Geschäft lief ab den 1980er Jahren schlechter – große Supermarktketten waren eine viel zu starke Konkurrenz für die kleineren Läden. All dies führte schließlich zu der Entscheidung, den Laden nicht mehr weiterzuführen. Kurzzeitig wurde der große Spar von einer Erbacherin bis 1989 übernommen, den Tülay zwei Jahre lang leitete. Doch zu dieser Zeit waren die kleinen Läden nicht konkurrenzfähig.
Zuletzt betrieben Heinz und Jetti Hartmann nur noch eine Quelle-Agentur und Lottoannahmestelle mit etwas Kioskware, wie Getränke und Snacks. 1994/95 wurde auch mit diesem Kapitel abgeschlossen.
Quellen:
Heinz Hartmann: Georg Hartmann Erinnerungen.
Stephan Hartmann: Eisenbacher Originale und andere beachtenswerte Menschen, Sammlung von Heinz und Edmund Hartmann.
Gesammelte Erinnerungen von Heinz Jürgen und Agnes Hartmann (Januar 2026), Marietta Ohly (Februar 2026), Stephan Hartmann (Februar 2026), Tülay Cinar (Februar 2026) sowie Clemens und Edith Hartmann (März 2026)


