Von Rudolf van der Tang

Die Lage im niederländischen Voorhout zu Kriegsbeginn

Am 10 Mai 1940 wurden die Niederlande ohne Kriegserklärung von der Wehrmacht überfallen. Frühmorgens sprangen über dem Marineflugplatz Valkenburg, das in der Nähe von Voorhout liegt, deutsche Fallschirmjäger ab. Der Anflug erfolgte über Voorhout. Meine Oma Jeanne war draußen und winkte einem in der Tür einer Ju-52 absprungbereitem Fallschirmjäger zu. Mein Opa Bram schimpfte deswegen mit ihr. Meine Oma meinte, dass es ein freundlicher Mann sei, der zuerst gewunken hatte. Es waren nicht lauter „freundliche Männer“, denn als ein geistig etwas Zurückgebliebener ein anderes Flugzeug mit Tulpenzwiebel versuchte zu bewerfen, schossen sie ihm mit Maschinengewehrsalven alle Zwiebeln aus der Erde. So brauchte er die wenigstens nicht mehr ausgraben. Sonstige Voorhouter Gegenwehr bestand aus dem alten Dorfs-Feldhüter, der mit einem funktionsuntüchtigen Gewehr aus dem 19. Jahrhundert um die Heuberge schlich. Der Mann hatte mehr Glück als Verstand, dass ihm niemand in die Quere kam. Mein Opa hatte die Kellerfenster mittels Sandsäcke bombensicher gemacht. Beim nächsten Essenkochen vermisste meine Mutter die Bratpfanne. Die hatte meine Oma zwischen den Sandsäcken platziert, weil sie da eine Lücke entdeckt hatte, wodurch das Licht in den Keller fiel.

Der holländische Ort Voorhout, ca 30 km von Amsterdam entfernt, wo Alfons Jost aus Eisenbach stationiert war

Nach 5 Tagen Kampf kapitulierten die Niederlande, nachdem die Luftwaffe Rotterdam bombardiert hatte. Danach lief die Vorbereitung für die England-Invasion auf Hochtouren. Deutsche Soldaten waren vor allem in beschlagnahmten Häusern oder bei privaten Bürgern zwangseinquartiert, denn Massenunterkünfte boten Angriffsziele für die englische Luftwaffe. Jeden Morgen marschierten Kolonnen deutscher Soldaten singend zur naheliegenden (abgesperrten) Küste, um für die Invasion von England zu üben – in hochseeuntauglichen Gummibooten. Die meisten konnten nicht mal schwimmen. Abends marschierten viele der „Sänger“ nicht mehr zurück.

Nachdem die Eroberung Englands fehlschlug, begann die deutsche Besatzungsmacht mit der Errichtung des „Atlantik Walls“. Dabei wurden unter anderem die Küste und das Dünengebiet zur Sperrzone erklärt. Die Grenze zu dieser Sperrzone bildete der Kanal „Haarlemmer Trekvaart“, auch „Leidsche Vaart“ genannt. Im Sperrgebiet westlich des Kanals wurden bald Bunker gebaut, wo deutsche Wehrmachtsoldaten einquartiert wurden. Die fertiggestellten Bunker glichen grasbewachsenen Hügeln und waren somit gut getarnt.

Bahnhof in Voorhout 1940

Mein Opa war Eisenbahner und Chef der Bahnstrecke zwischen Leiden und Haarlem. Das war die meistbefahrene Strecke in den Niederlanden und hatte die schärfste Kurve des gesamten Eisenbahnnetzes und war schon damals voll elektrifiziert. Diese Bahnstrecke verlief ab dieser Kurve direkt östlich neben dem Kanal bis Haarlem.

Meine Großeltern lebten direkt an dieser Kurve in einem Eisenbahner-Haus in der Gemeinde Voorhout. Die Familie bestand aus meinem Opa und meiner Oma, drei jungen Frauen, einem Buben und einem Mädchen. Eine dieser jungen Frauen war meine Mutter.

„Bist du für Hitler?“

Die Bunker hatten anscheinend eine unzureichende Stromversorgung. Daher bestimmte der Ortskommandant, dass die fehlende Leistung mittels einer Anzapfung an das Eisenbahn-Trafohäuschen bereitgestellt werden sollte. Das Trafo-Häuschen war nicht weit entfernt vom Eisenbahner-Haus, wo meine Großeltern wohnten. Das Kabel wurde provisorisch verlegt und über den Kanal mittels hohen Holzstangen zu den Bunkern geführt. Zum Bedauern der Deutschen fuhren immer wieder Segelfrachter die Kabelverbindung über dem Kanal kaputt – eventuell absichtlich.

Bram Wagenmaker (vorne links) an der Bahnstrecke zwischen Leiden und Haarlem

Zur Reparatur und notwendigen Neu-Aktivierung des Anschlusses kamen deswegen regelmäßig deutsche Soldaten mit einem großen Ruderboot über den Kanal, liefen über Wiesen und Blumenzwiebelfelder zum Eisenbahner-Haus, um meinen Opa zu fragen, ob sie den Strom vom Eisenbahn-Transformatorhäuschen wieder anzapfen dürften. Sie kamen immer zu zweit; so könnte der eine den anderen auf die richtige Gesinnung überwachen. Manche waren großkotzige Nazis, andere waren unterwürfig.

Wenn wieder Neue auftauchten, war die erste Frage meines Opas: „Bist du für Hitler?“. Wenn die Antwort „Jawohl“ war oder ähnlich, war die Antwort meines Opas: „Dann bekommst du keinen Strom.“ Dann zogen die Soldaten schimpfend ab.

Manchmal kamen auch Soldaten, die meiner Mutter oder ihren zwei erwachsenen Schwestern Avancen machen wollten, was strikt abgelehnt wurde. Einmal kam auch ein Wiener Charmeur und hat meiner Mutter eine Schachtel Pralinen mitgebracht und vom „Wiener Blut“ geschwärmt. Alles vergebens. Einmal wollte ein Soldat sich nicht abwimmeln lassen und hat meine Mutter im Hof des Hauses bedroht. Mein Opa war gerade im angrenzenden Gemüsegarten beschäftigt, als er den Tumult hörte. Der Soldat regte sich furchtbar auf, zog seine Pistole und schrie, dass er zurückkomme, wenn „der Tommy“ käme und er in dem Chaos die ganze Familie erschießen würde. Mein Opa hat ihn festgegriffen, ihn umgedreht und ihm mit einem Holzschuh-Fußtritt vom Hof gejagt. Er hat ihm noch hinterhergerufen: „Wenn du noch einmal hier aufkreuzt, bin ich schneller beim Ortskommandanten als du“ (alles auf Holländisch). Meine Mutter schimpfte mit meinem Opa, obwohl er ihr zur Hilfe gekommen war: Sie bringen uns noch alle in Gefahr mit Ihrem Verhalten! (In Holland sagen Kinder „Sie“ zu ihren Eltern.)

Alfons Jost

Dann kam „Onkel Alfons“

Und dann kam „Onkel Alfons“ – zusammen mit seinem Kumpel Albert aus Aachen – zum Stromkabel anschließen. Nachdem die übliche Frage meines Opas von beiden mit einem klaren „Nein“ beantwortet wurde, durften Alfons Jost und Albert ihre Arbeit verrichten. Die Beiden kamen jetzt öfters und zwischen ihnen und meinen Großeltern entstand ein herzliches Verhältnis. Sie kamen auch ins Haus und bekamen Tee und Kekse – argwöhnisch beobachtet von meiner Mutter.

Inzwischen wusste Alfons, dass mein Vater als Zwangsarbeiter nach Stuttgart deportiert wurde; wie theoretisch jeder Niederländer zwischen 18 und 55 Jahren, die nicht in heimischer kriegsrelevanter Industrie arbeiteten. Eines Tages fragte er meine Mutter, ob sie schon eine Nachricht von ihrem Verlobten erhalten hätte. Da schmiss sie einen gerade eingetroffenen Brief auf den Tisch, der durch die Zensurstelle mittels einer Schere völlig zerschnitten war. Dazu sagte sie wütend: „Ja, wenn man sowas eine Nachricht nennen kann.“ Und ging wutschnaufend auf ihr Zimmer.

Corry van der Tang (geb. Wagenmaker)

Als Alfons wieder weg war und meine Mutter wieder in die Küche kam, kritisierte meine Oma ihr Verhalten und erwähnte, dass Alfons geweint hatte. „Krokodils-Tränen“ war die Antwort. Jetzt gab meine Oma ihr eine Standpauke: „Das ist ein seelenguter Mann, der es gut mit uns meint und nächstes Mal bist du anständig zu ihm; verstanden!“ (Meine Oma hatte eine übernatürliche Menschenkenntnis).

Eine riskante Idee

Aber eines hatte die Zensurstelle übersehen: Mein Vater hatte in dem Brief die Anschrift der Fabrik, wo er arbeitete und den Namen des Fabrikdirektors erwähnt. Und vor allem hatte er geschrieben, dass der Direktor und der Werkstattleiter „gute Deutschen“ waren. Für Niederländer hieß das: Es waren keine Nazis. Daraufhin machte Alfons beim nächsten Besuch meiner Mutter einen Vorschlag. Er würde ihren nächsten Brief an meinen Vater zu seinem Brief an seine „frischvermählte Anna“ in einen Feldpost-Umschlag stecken und darin Anna erklären, wohin sie den Brief mit Inlandspost weiterschicken sollte: zu dem Direktor der Fabrik mit der Bitte um Weitergabe an meinem Vater. Danach funktionierte es wunderbar mit der Verbindung Voorhout-Eisenbach-Stuttgart und umgekehrt. Dreh- und Angelpunkt war ab jetzt Tante Anna in Eisenbach. Es war wohl alle Beteiligten klar, dass dieses Unterfangen sehr gefährlich war. Im schlimmsten Fall drohte die Todesstrafe.

Anna Jost (geb. Zimmermann)

Der Schriftverkehr von Voorhout via Eisenbach nach Stuttgart und vice versa war jetzt eingespielt. Manchmal kam Alfons mit Albert und manchmal kam er allein. Ein Gesprächsthema war, dass an Wochenenden sehr viele Damen (hauptsächlich Prostituierte) aus den umliegenden Städten mit dem Bummelzug nach Voorhout kamen. Vom kleinen Bahnhof marschierten sie am Eisenbahner-Haus meiner Großeltern vorbei, weiter in Richtung des Kanals „Leidsche Vaart“ (bzw. Haarlemer Trekvaart). Um die Damen zur anderen Seite zu bringen, diente ein großgeratenes Ruderboot als Fähre; gerudert von einem deutschen Soldaten. In den Bunkern am Westufer wurden die Damen schon sehnsüchtig erwartet. Da nicht allzu viele gleichzeitig herübergesetzt werden konnten, entstand am Ostufer eine ziemlich große Warteschlange. Manche örtliche Dorfschöne wollte sich nicht in die Reihe stellen und lange warten. Die schwammen in voller Montur über den Kanal, wo sie am anderen Ufer von johlenden deutschen Soldaten in Empfang genommen wurden.

Brief von Alfons Jost vom 26.10.1943

In den Bunkern ging dann die Post ab. Meine Mutter fragte Alfons, ob er während dieser Zustände dabei war. Alfons sagte: „Ja, warum soll ich deswegen bei Regen draußen warten?“ Meine Mutter hakte nach, ob er dadurch nicht selber auf dummen Gedanken käme. Alfons antwortete: „Nein, ich bleibe meiner Anna treu.“

Alfons erzählte auch von einer nicht gerade intelligent dreinblickenden jungen Frau aus Voorhout, die immer an Wochentagen auftauchte, als das Angebot an Prosituierten mager war. Sie hieß Katrin und hatte einen Haaransatz, der kurz über den Augen anfing. Sie hatte auch immer ihr eigenes (total verdrecktes) Kopfkissen dabei. Vor dem Bau der Bunker waren die deutschen Soldaten in Privathäusern einquartiert und nicht in Sammelunterkünften, die sie sonst ein einfaches Ziel für britische Jagdbomber gewesen wären. Im Haus einer Freundin meiner Mutter war unter anderem auch ein gewisser Heinz einquartiert, der rege Gebrauch von Katrins Diensten machte. Irgendwann war Heinz an die Ostfront versetzt und das dreckige Kissen lag noch bei meiner Mutters Freundin im Haus. Die Mutter der Freundin hat Katrin im Dorf angesprochen, Heinz habe für Katrin ein Geschenk hinterlassen. Als Katrin ins Haus kam, wies sie auf das dreckige Kissen, das diese vergessen hatte. Die Mutter sagt zu ihr: „Nimm das Dreckstück mit und lass dich hier nicht mehr blicken.“

Das gleiche Boot, womit die Prosituierten übergesetzt wurden, benutzten Alfons und Albert, um am Ostufer am Eisenbahn-Trafohäuschen die sabotierte Stromversorgung der Bunker wieder anzuschließen. Das kam hauptsächlich daher, dass Segelfrachter „aus Versehen“ das über den Kanal gespannte Kabel durchfuhren. Eines Abends, als Alfons und Albert zu Besuch gewesen waren, standen sie kurze Zeit später wieder vor der Tür. Albert sagte nur: „Bootchen weg.“ Und so mussten die beiden einen langen Umweg zurück zu den Bunkern machen – über Voorhout und den Noordwijker-Hoek. Es war schon spät und künstliches Licht war strengstens verboten. (Sperrstunde und Verdunkelungs-Gebot). Irgendwann kam Albert allein um Abschied zu nehmen. Er hatte Heimurlaub bekommen, um seine Ehefrau und kleine Tochter zu besuchen. Dabei trug er zum Gepäck noch einen Puppenwagen auf seiner Schulter. Schon nach kurzer Zeit war er wieder zurück aus Aachen, denn sein Plätzchen im Ehebett war schon von jemand anderem belegt.

Alfons warnte den Bruder

In Voorhout gab es auch Veränderungen. Die Häscher suchten immer dringender nach Arbeitskräften für Deutschland. Alfons warnte ausdrücklich den Bruder meiner Mutter – der erst 14 Jahre alt, aber ziemlich groß für sein Alter war – dass er sich nicht mehr auf öffentlichen Plätzen in Leiden aufhalten sollte, wohin er mit dem Zug zur Schule fuhr.

Die Bahnstrecke war sowohl tagsüber und als auch nachts immer wieder Ziel englischer Jagdbomber, weil die Strecke so nah am Meer lag und somit die Flugzeuge nicht weit über feindliches Land fliegen mussten. Eines nachts fielen Bomben mitten ins Dorf, dabei gingen viele Fenster des protestantischen Pfarrhauses zu Bruch. Am nächsten Sonntag predigte der katholische Pfarrer (der 500 Jahre zu spät geboren war), dass man jetzt mal wieder sehen könne, was der wahre Glauben war. Gott strafte umgehend: Beim nächsten Angriff flatterten alle Vorhänge des katholischen Pfarrhauses durch die kaputten Fenster.

Abschied

Nach dem D-Day im Juni 1944 wurden vielen Soldaten von der Westfront abgezogen. Alfons war auch dabei. Er kam noch mal abends spät, um sich zu verabschieden. Er sagte, dass er kämpfen würde, wenn ein freies Deutschland angegriffen worden wäre. Aber für ein Verbrecherregime würde er nicht den Kopf hinhalten und daher würde er sich bei der erstbesten Gelegenheit von den Alliierten gefangen nehmen lassen.

Alfons Jost (rechts) mit Kameraden

Alfons hatte auch noch ein Geschenk mitgebracht. Unterwegs vom Kanal bis zum Trafohäuschen hatte er einen Sack mit Kartoffeln gefunden und er meinte, das könnte die Familie meiner Mutter gut brauchen, da die Lebensmittel knapp wurden. Als er den Sack auspackte, stellte sich heraus, dass die Kartoffeln in Wahrheit Tulpenzwiebel waren. Alfons hatte anscheinend eine intuitive Vorahnung. Denn in dem folgenden Winter 1944/1945 gab es eine Hungersnot im Westen der Niederlande und die Leute aßen in der Not Tulpenzwiebel. Dazu war es noch ein eiskalter Winter ohne Brennstoffe.

In Voorhout wurden die Lebensmittel immer knapper. Die Soldaten, die jetzt zum Stromkabel reparieren kamen, gehörten nicht unbedingt zum besseren Teil der Gesellschaft. Es kamen sowieso immer weniger Soldaten zum Stromanzapfen, weil inzwischen die Stromversorgung nicht mehr gut funktionierte – aufgrund von Brennstoffmangel in den Kraftwerken. Auch wurde in Voorhout mancher Bauer von deutschen Soldaten erschossen, weil sie das geforderte Milchkontingent nicht liefern konnten. Da auch die Kühe nichts mehr zu fressen hatten, gaben die Kühe auch kaum noch Milch. Auch das Brennmaterial war so knapp, dass viele Leute ihr Leben riskierten und im Lisser Wald (Keukenhof) Bäume fällten. Das war streng verboten, da im Lisser Wald die V1-Raketen auf London abgeschossen wurden und der Wald als Tarnung diente.

Verbrannte Erde

Mein Opa und sein Schwager (Onkel Piet) mussten auf dem Fahrrad gen Osten fahren, um Getreide und Kartoffeln zu holen. Auf dem Rückweg über einen schmalen Wasserlinien-Damm, wo zwischen den Essenholern auch Wehrmachttransporte verkehrten, wurde ein Wehrmachtkonvoi von Jagdbombern angegriffen. Die Leute suchten Schutz in provisorischen Schützengräben. Nur Onkel Piet, der dauernd vom Rad fiel, radelte ausgerechnet im Kugel- und Bombenhagel weiter. Später fand mein Opa ihn unverletzt. Auf seine Frage warum er sich nicht, wie sonst immer, vom Rad hat fallenlassen, antwortete er nur ganz trocken: „Ich konnte nicht absteigen.“ Später fuhren meine Mutter und ihre ältere Schwester auch mit dem Rad gen Osten zum Essen holen. Sie passierten eine Kleinstadt, die völlig ausgebrannt war und keine Leute zu sehen waren. Später stellte sich heraus, dass dort ein (missglücktes) Attentat auf den Chef der SD (Rauter) verübt worden war. Als Repressalie hatte die Deutschen alle Männer über 14 Jahre ins KZ Ladelund abtransportiert, die Frauen und Kinder in ein Lager in den Niederlanden gebracht und den Ort abgefackelt. Dann kam der Hungerwinter 1944-1945. Allein in Leiden starben tausende Menschen durch Hunger.

Auch in Stuttgart änderte sich die Situation und mein Vater meinte, dass man sich so langsam vom Acker machen sollte, bevor die Front nach Stuttgart kommt und man dabei unter die Räder geraten könnte. In Frankreich hat sich mein Vater bei den französischen Behörden gemeldet. Da Holland noch immer besetzt war, wurde er zu einem Internierungslager bei Bar-le-Duc gebracht. Da hausten 3.000 andere Holländer unter erbärmlichen Umständen in Zelten. Kurz danach kamen amerikanische Offiziere ins Lager und wollten holländische Freiwillige für die amerikanische Armee anwerben. Es meldeten sich nur 4 Personen, einer davon war mein Vater. Die anderen waren der Meinung, dass die Amerikaner selber die Kastanien aus dem Feuer holen sollten. Mein Vater verrichtete seinen amerikanischen Militärdienst ohne Verletzungen. Nach der Befreiung Hollands machte er sich mit dem Zug auf den Weg nach Holland. Auf dem Grenzbahnhof Rosendaal mussten alle in den Zug aus Frankreich umsteigen auf inzwischen wieder fahrende holländische Züge. Es wurde sehr streng kontrolliert.

Koffer voller Gold und Juwelen

Gerhard van der Tang

Vor dem Kontrollposten wurde mein Vater von einer hübschen Holländerin angesprochen, ob er ihren schweren Koffer tragen wollte. Mein Vater, immer Gentleman, willigte ein. Sie spekulierte darauf, dass ein Holländer in amerikanischer Uniform wohl nicht so streng kontrolliert wurde. Das war aber nicht der Fall. Mein Vater musste den Koffer aufmachen (oder die Militärpolizei hatte den Koffer aufgebrochen, das weiß ich nicht genau). Jedenfalls war der voll mit Juwelen und Gold.

Wahrscheinlich war die Frau eine Geliebte eines hohen SS Offiziers gewesen, der das Raubgut den Juden gestohlen hatte. Nach der Kontrolle hatte sie auf meinen Vater gewartet und als sie sah, dass ihr Trick fehlschlug, machte sie sich schnell aus dem Staub. Mein Vater konnte diese Beute nicht erklären und kam ins Gefängnis. Die Militärpolizei hatte ihm alles abgenommen. Seinen amerikanischen Sold und seine Uniform.

In Voorhout war der Krieg am dem 5. Mai noch nicht vorbei. An den Kontrollposten der Bunker und zum Atlantikwall hielten schwer bewaffneten Mongolen die Stellung. Es waren russische Kriegsgefangene, die nach der Gefangennahme in deutschen Dienst getreten waren. Die ahnten wohl, dass sie bei der Rückkehr bei Stalin schlechte Karten hätten. Sie wollten sich nicht ergeben und marschierten auch durch Voorhout. Sie waren grausam und völlig unberechenbar. Erst Ende Mai gaben sie auf.

Kurz danach kreuzte mein Vater bei meiner Mutter auf. Fröhlich pfeifend und nur gekleidet in einer grünen amerikanischen Armeeunterhose.

Ca. 1950 in Eisenbach unterhalb des Arndt-Hauses (heutiger Festplatz). Anna Jost, Gerhard und Corry van der Tang (v.r.)

Nach dem Krieg

Alfons war in kanadische Gefangenschaft geraten, wo es ihm den Umständen entsprechend, relativ gut ging. Später wurde er nach England gebracht und dort in ein Kriegsgefangenenlager gesteckt. In England ging es ihm nicht gut. Die Gefangenen mussten in der Kälte bei eisigem Regen auf dem Appellplatz stehen. Hierdurch holte er sich eine Lungenentzündung. Als er heimkam, war seine Gesundheit angeschlagen.

Alfons war nach dem Krieg nur noch ein einziges Mal in Holland. Gemeinsam mit Anna besichtigte er den Keukenhof. Anschließend fuhren sie mit dem Taxi zu Corry und Gerhard. Alfons wollte jedoch nie mehr über Nacht von zuhause weg sein. Und so ging es noch am gleichen Abend mit dem Bus wieder zurück nach Eisenbach.

Alfons und Anna Jost in den 1960er Jahren bei Alfons einzigem Besuch in Holland nach dem Krieg.

Alfons starb leider viel zu früh, nicht zuletzt durch seine angeschlagene Gesundheit aufgrund der Kriegsgefangenschaft, im Alter von nur 63 Jahren. Auch Gerhard starb früh mit nur 55 Jahren. Die beiden Ehefrauen erlebten noch das neue Jahrtausend, Anna starb im Jahr 2000, Corry zwei Jahre später. Zu ihrer Beerdigung in Voorhout fuhren damals (Alfons Sohn, Alfons Enkel und der Ehemann von Alfons Enkelin, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Die „Voorhouter“ und die „Eisenbacher“ blieben miteinander in Kontakt und sind es bis heute immer noch (bis in die 3. Generation). Das Haus in Eisenbach, in dem Anna und Alfons lebten, gehört inzwischen der Tochter von Gerhard und Corry und deren Mann, die damit in Eisenbach einen Zweitwohnsitz haben. Rudolf („Ruud“) ist komplett nach Deutschland gezogen und lebt mit seiner Frau in Flensburg. Die Nachkommen von Alfons und Anna leben in Eisenbach und Rheinland-Pfalz.


Aufgezeichnet von Rudolf van der Tang (Sohn von Gerhard)
Bearbeitet und ergänzt von Frank Noll (Enkel von Alfons)


Eine ausführliche Version mit zusätzlichen Fotos gibt es hier als 16-seitiges Booklet:

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