Vor 120 Jahren wurde die Eisenbacher Kirche gebaut

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Man kann es heutzutage kaum glauben, aber die Eisenbacher Kirche wurde tatsächlich in nur etwas mehr als einem Jahr errichtet. Davon kann man in Berlin nur träumen. Vielleicht hätten Eisenbacher den Berliner Flughafen bauen sollen…

Als Clemens Langenhof am 27. November 1884 als Kaplan nach Eisenbach kam, muß er sehr bald die Misere mit dem vorhandenen Gotteshaus erkannt und zielstrebig auf den Bau einer neuen Kirche hingearbeitet haben. Am meisten muß ihn neben anderem die Prozedur des Läutens während des Gottesdienstes empört haben. Während früher die Glocken vom Chor aus geläutet wurden, mußte jetzt der Küster von der obersten Bühne (Orgelbühne) aus über den Kirchenspeicher gehen, um zu dem Glockenturm zu gelangen, was jedesmal ein großes Getöse während der Wandlung verursachte und der Andacht der eng eingepferchten Kirchenbesucher nicht zuträglich war.

Noch als Kaplan trägt er im Januar 1886 dem Bischöflichen Ordinariat vor, daß die Pfarrgemeinde Eisenbach genötigt ist, sehr bald einen Neubau der Kirche in Angriff zu nehmen. Er weist wieder auf den schlechten baulichen Zustand der Kirche hin und meint, daß man aus Sparsamkeitsgründen den alten Turm wieder verwenden könne, zumal die Bauform, daß der Turm den Chor umschließe, so herausragend sei, daß dies nur noch bei einer einzigen Kirche in der Diözese der Fall sein soll.

Doch es fehlte an Geld zum Bau. Schon Pfarrer Gombert hatte Kollekten zum Neubau einer Kirche durchgeführt, die sich mit weiteren freiwilligen Spenden im Laufe der Jahre auf ca. 2000 Mark beliefen. Im Jahre 1885 kamen aus dem Klingelbeutel während der Sonntagsfrühmesse (die seit dem 29. Juni 1885 genehmigt war) und anderen Spenden 200 Mark dazu. Doch wie sollte man mit diesem Grundstock von 2 200 Mark den Bau einer Kirche verwirklichen (der später mit 54000 Mark veranschlagt war und schließlich im Rohbau, also ohne Einrichtung, rund 55 000 Mark kostete), wo die Einwohner der Gemeinde alle ziemlich arm und mit Steuern schon hoch belastet waren?

Clemens Langenhof schien offenbar nichts zu abwegig, seinem Vorhaben, dem Bau einer neuen Kirche, näher zu kommen. Er erbat vom Bischöflichen Ordinariat ein Empfehlungsschreiben für einen jungen Mann aus Oestrich, der infolge eines Unfalls Invalide war, damit dieser in den katholischen Provinzen des Königreichs Preußen Bilder zugunsten des Neubaus der Ei senbacher Kirche verkaufe. Er, Langenhof, wollte einige Tage vor Ankunft dieses jungen Mannes in den Gemeinden dem dortigen Pfarrer eine Kopie der Empfehlung zuschicken, damit die Pfarrer von der Kanzel wohlwollend auf den Bilderverkauf hinweisen könnten.

Das Bischöfliche Ordinariat begrüßte zwar die Bemühungen um die Vergrößerung des Kirchenfonds zum Neubau der Kirche, doch das gewünschte Empfehlungsschreiben wollte es wegen der damit verbundenen vielen Unwägbarkeiten nicht ausstellen.

Am 1. Oktober 1886 wurde Clemens Langenhof zum Pfarrer von Eisenbach ernannt. Er verzichtete auf eigenen Wunsch auf eine feierliche Installation, weil er das sicherlich nicht mit der kargen Lebensweise seiner Pfarrkinder und dem gesetzten Ziel des Kirchenneubaus vereinbaren konnte. Es vergehen einige Jahre, in denen offensichtlich fleißig gespart und gespendet wird, bis am 4. November 1894 der Kirchenvorstand der Eisenbacher Pfarrgemeinde den Beschluß faßt, eine neue Kirche zu bauen. Inzwischen ist das gesammelte Baukapital auf 16 700 Mark angewachsen. Ein geeigneter Bauplatz ist vorhanden und ein großer Teil des Baumaterials in einem Steinbruch beim Ort. Zu dieser Zeit rechnet man noch mit Rohbaukosten von 40 000 Mark. Die fehlenden 23 000 Mark sollen durch ein Darlehen von 20 000 Mark und durch die Verdoppelung der Kirchensteuer, die damit jährlich 1500 Mark einbringt, finanziert werden. Außerdem erhoffen sich die Kirchenvorstände weitere Mittel durch eine Kirchenkollekte in der ganzen Diözese.

In seinem Schreiben vom 7. November 1894 an das Bischöfliche Ordinariat legt Pfarrer Clemens Langenhof noch einmal die vorgesehene Finanzierung dar und schildert darin ausführlich die finanzielle Situation der Eisenbacher Bevölkerung.

„Die Gemeindebewohner müssen größtenteils als Taglöhner, Handwerker auswärts ihr Brot verdienen oder vom Ackerbau sich kümmerlich ernähren, und sind sozusagen alle unbemittelt. Für die Arbeiter und Landleute aber werden die Einnahmen immer geringer, die Steuern hingegen, welche auf dem Lande fast ausschließlich dem Landmann zur Last fallen, weil die Arbeiter in der Regel mit 3 Mark Steuer veranlagt sind, nehmen mit jedem Jahre zu. Außerdem ist die Gemeinde genötigt, zwei Wege zu bauen, einen nach Niederselters und einen nach Hof Hausen.“

Als Baumeister wird Herr Fachinger aus Limburg vorgesehen, der in der Nähe ist und auch in Offheim demnächst eine Kirche bauen soll, die der hier vorgesehenen ähnlich ist und bei der auch der vorhandene Turm mit eingebunden werden soll. Da der für Offheim vorliegende Bauplan hier in Eisenbach Gefallen findet, soll auch hier eine dreischiffige Kirche im romanischen Baustil in einer Größe errichtet werden, die für die 1300 Seelen der Gemeinde ausreicht. In seinem Schreiben weist Pfarrer Langenhof auch darauf hin, daß ein Teil des vorgesehenen Bauplatzes bis vor ca. 60 Jahren als Begräbnisstätte benutzt worden ist. Schon am 12. November 1894 antwortet das Bischöfliche Ordinariat in Limburg und eröffnet Pfarrer Langenhof, daß es für den zweiten Adventsonntag in der ganzen Diözese eine Kirchenkollekte zugunsten des Eisenbacher Kirchenbaues angeordnet hat. Am 10. Januar 1895 kann der Pfarrer dem Bischöflichen Ordinariat die Abrechnung über die aus den 177 Pfarreien der Diözese eingegangenen Kollekten vorlegen. Es sind insgesamt 1175,03 Mark, die sich aus Beträgen zwischen 71 Pfennigen (Girod) und 50 Mark (Idstein, Wiesbaden) zusammensetzen. Eine Hauskollekte an Weihnachten 1894 in Eisenbach bringt den stolzen Betrag von 1650 Mark ein. Das angesparte Kapital ist damit auf rund 20 000 Mark angewachsen, was wohl Pfarrer und Kirchenvorstand veranlaßt hat, die Baupläne für den Neubau durch den Baumeister Fachinger anfertigen zu lassen. Er wird zusammen mit dem Kostenvoranschlag am 9. April 1896 dem Bischöflichen Ordinariat zur Genehmigung vorgelegt.

Danach ist inzwischen nicht mehr vorgesehen, den alten Turm zu erhalten, vielmehr soll die Kirche statt eines Turmes einen Dachreiter erhalten. Die Baukosten sind mit 54 000 Mark veranschlagt und sollen wie folgt finanziert werden

Eigenkapital 27.841,42
Darlehen 20.000,-
vorh. Baumaterial 3.129,-
Kirchensteuern 1.655,03
Guthaben-Zinsen 1896 905,-
53.530,45

Der Rest von 469,05 soll durch unentgeltliche Spanndienste der Bürger erbracht werden.

Den Antrag haben Pfarrer Langenhof und die Kirchenvorsteher Adam Böß, Reichmann, Böcher, Hartmann und Peuser unterschrieben. Das Bischöfliche Ordinariat genehmigt am 1. Mai 1896 die vorgelegten Pläne und stellt fest, daß die Kirche in den Seitenschiffen, Mittelund Querschiff und Bühne 410 m2 Fläche hat und damit ca. 900 Personen Platz bietet. Es regt weiterhin an, den Hochaltar in Form eines Tabernakelaltares unter den Chorbogen in der Vierung zu stellen, womit der ganze Chor für Kinderplätze frei würde und der Zelebrant am Altar auch von dort noch gesehen werden könne.

Im Laufe des Jahres 1896 kann sich der Kirchenvorstand auch noch entschließen, statt eines Dachreiters einen massiven Turm zu bauen, der die Baukosten um ca. 4 000 Mark erhöhen soll. Im Winter 1895/96 wurden von dem Architekten Jacob Fachinger aus Limburg die endgültigen Baupläne und die Kostenvoranschläge gefertigt. Am 24. Juni 1896 wurden die Angebote im Beisein des Architekten, des gesamten Kirchenvorstandes und einer großen Anzahl ,,abbietender Bauhandwerker von hier, meistens von auswärts“ eröffnet. Die Handwerker ersteigerten die Bauarbeiten, indem sie sich gegenseitig unterboten. So wurden die Maurerarbeiten an den Baumeister Kasteleiner aus Niederbrechen vergeben.

Nach einem feierlichen Amt zur Erflehung des göttlichen Segens wurde am 25. August 1896 mit den Grund- und Fundamentarbeiten im Bereich außerhalb der alten Kirche begonnen. Sie machten gute Fortschritte, so daß nach dem Winter im Februar innerhalb von zwei Wochen mit Hilfe der noch zu Hause weilenden Bauhandwerker aus Eisenbach die alte Kirche abgebrochen werden konnte. Dabei waren bis zu 100 freiwillige Helfer an der Baustelle tätig!

Alles noch Brauchbare wurde sorgfältig aussortiert und ordentlich um die Baustelle gelagert: Steine, Sand und Holz. Es verringerte die Kosten. Ansonsten wurden die Steine in der „Steinkaut“, dem Standort der heutigen Festhalle, gebrochen und behauen und der Sand auf dem Berg gegraben. Alle Transporte wurden von Eisenbacher Fuhrleuten und vielen Auswärtigen aus Nieder- und Oberselters, aus Camberg, Dauborn, Ober- und Niederbrechen durchgeführt. Unter den Fuhrleuten war auch immer wieder Pfarrer Clemens Langenhof selbst mit seinem Ochsengespann zu finden. An weiteren Baustoffen wurden der Kalk aus Dehrn, die Sandsteine aus Mühlen bei Engers/Rh. und die Plättchen für den Fußboden aus Ransbach/Ww. bezogen und kostenlos nach hier transportiert. Die Fuhrleute und die vielen freiwilligen Helfer an der Baustelle hielt der Pfarrer mit seinem selbstgezogenen Wein bei Laune.

An Christi Himmelfahrt 1897 konnte unter großer Beteiligung der Bevölkerung, der Bauleute und vieler geistlicher Herren der Grundstein eingemauert werden. Er befindet sich in der Mauer des Chorumganges neben der Sakristei. Im Dezember 1897 war der Rohbau fertiggestellt und die Kirche stand unter Dach. Die Zimmerarbeiten hatte der Eisenbacher Zimmermeister Johann Falkenbach und die Dachdeckerarbeiten der Dachdeckermeister Josef Decker erbracht.

Mit dem Anwachsen des Bauwerkes wuchs auch die Spendenbereitschaft der Gemeinde. Das zeigte sich noch einmal besonders bei der Innenausstattung der Kirche. Fast die gesamte Inneneinrichtung wurde von Einzelpersonen oder durch gemeinschaftliche Spenden gestiftet. Clemens Langenhof zählt in der Chronik an Beispielen auf: Die drei gemalten Chorfenster – in der Mitte die Kreuzigungsgruppe und rechts und links die Apostelfürsten Petrus und Paulus – sind geschenkt. 5 000 Mark von dem verstorbenen Frl. Anna Seck gestiftet, die Kanzel für 600 Mark von einem Jüngling geschenkt, ein neuer Beichtstuhl für 260 Mark von einem Landwirt geschenkt, die Kommunionbank für 460 Mark von Herrn Reichmann und der Rosenkranzaltar von dem Kaufmann Wilhelm Bäcker geschenkt, der Herz-Jesu-Altar von einer Dame aus Frankfurt, der Muttergottesaltar für 800 Mark aus freiwilligen Spenden usw. Das Chorgestühl wurde aus der alten Kirche übernommen. Auch das Becken des Taufsteines ist aus der alten Kirche. Es wurde auf ein Podest aus dem Grabstein des verstorbenen Pfarrers Bernhard und auf eine Säule aus dem Grabstein des verstorbenen Pfarrers Weyer gesetzt. Alle Verputz- und Malerarbeiten und die Einbauten der Inneneinrichtung gingen im Jahr 1898 zügig voran, so daß der Tag der feierlichen Einweihung des Gotteshauses, das die Gemeindeglieder mit Fug und Recht als ihr Werk bezeichnen konnten, immer näher rückte.

Während der Gottesdienst in der zweieinhalbjährigen Bauzeit in dem im ersten Stock der Schule als Notkirche hergerichteten Schulsaal stattgefunden hatte, war es dann am Sonntag, dem 25. September 1898, soweit. Die größte und schönste Kirche des Goldenen Grundes war für ein Ereignis geschmückt, das nicht nur die Einheimischen mit größter Freude erfüllte, sondern auch alle Eisenbacher aus nah und fern herbeirief. Ein Fest, wie es das Dorf noch nie erlebt hatte, nahm schon am Vortag seinen Anfang. Adam Eisenbach hat uns darüber einen Originalbericht hinterlassen. Danach war das ganze Dorf festlich geschmückt. Der Bischof, es war der gerade erst neu gewählte Cisterzienser Dr. Dominikus Willi, wurde schon am Samstagnachmittag mit Glockengeläute und Böllerschüssen empfangen und in feierlicher Prozession in das Dorf geleitet. Am Abend bewegte sich ein großer Fackelzug zu dem Pfarrhaus, und der Gesangverein trug passende Lieder vor. Bürgermeister Scharr, Pfarrer Langenhof und der Bischof würdigten in ihren Ansprachen das einzigartige Gemeinschaftswerk und gaben ihrer Freude über die Opferbereitschaft und die Einmütigkeit der ganzen Gemeinde Ausdruck.

Am nächsten Tag fand nach einem letzten Gottesdienst früh am Morgen in dem als Notkirche benutzten Schulsaal die erhebende Zeremonie der Kirchweihe durch den Bischof statt, die über drei Stunden dauerte. Danach wurde das Allerheiligste aus der Notkirche in die neue Kirche übertragen und ein feierliches Hochamt zelebriert, in dem die Jungen und Mädchen der oberen Schulklassen unter der Leitung von Lehrer Gersbach eine zweistimmige lateinische Messe sangen. Der Gottesdienst endete mit dem vielhundertstimmigen, freudigen Gesang des „Großer Gott, wir loben dich“. Nach einer nachmittäglichen feierlichen Vesper verließ der Bischof mit seinen Begleitern wieder unter Böllerschüssen das Dorf.

Von Franz Josef Rembser (aus „750 Jahre Eisenbach“, 1984)

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