Die 1930er Jahre hatten begonnen, der Börsenkrach (der sogenannte „Schwarze Donnerstag“) von 1929 lag noch nicht lange zurück, die Menschen spürten die Weltwirtschaftskrise weiterhin. Es hieß: überleben, Familie ernähren und deshalb auch kreativ zu sein. Die Angst vor dem sozialen Abstieg war groß. Der gelernte Maurer Benedikt Gattinger, geboren am 14. November 1890 in Eisenbach (Sohn des Schusters Peter Gattinger und dessen Ehefrau Anna Maria, geb. Schnierer), sah vermutlich zu dieser Zeit seine Lebenschance im Handel mit Tabakwaren. Er wagte den Schritt in die kaufmännische Selbstständigkeit: Er betrieb in der Kirchstraße 37 in seinem Eisenbacher Haus ein Tabakwarengeschäft, als Zwischenhändler, und belieferte Endverkäufer. Die ganze Familie – auch Benedikt Gattinger selbst – war und blieb Nichtraucher.

Seine Ehefrau Maria Katharina, geb. Zabel am 7. Dezember 1891 in Niederselters, mit der er seit dem 12. März 1913 verheiratet war, unterstützte ihn darin. Links neben dem Haus führte ein schmaler Weg durch den Hausgarten über ein paar Treppenstufen zu dem von der Straße aus nicht sichtbaren kleinen Laden. Ein Schild an der Straßenseite des Hauses wies auf das Geschäft hin. Seine Kundschaft – die Eisenbacher Bauern und Handwerker – kannten den Laden aber sowieso gut.
Doch auch die Enkel kannten und liebten den Laden – und natürlich Opa! „Opa war da. Opa war immer da! Er nahm sich die Zeit. Mit jedem Problem oder jeder Frage konnte ich zu ihm kommen“, erinnert sich Ingrid Rembser an ihren Großvater, der vermutlich das Home Office in Eisenbach erfunden hatte. „In dem kleinen Tabakwarenladen roch es herrlich. Vor meinem Erinnerungsvermögen fuhr er mit einem Motorrad auch über Land und belieferte Kunden mit Tabakwaren.“ Die damaligen Zigarettenmarken Eckstein, Overstolz, Ernte 23, Reval, Rothändle und Gold Dollar hatte Benedikt Gattinger im Angebot. Letztere Marke wurde bevorzugt von Martha Hilde Neumann vom Hof zu Hausen gekauft. Doch auch Kautabak (Priemchen), der mit einem Sud in einem irdenen Krug der Firma Gail in Gießen aufbewahrt wird, Stumpen (Kiepenkerl), Pfeifentabak oder Zigarren führt der Eisenbacher Händler im Sortiment.
Ingrid Rembser erinnert sich heute noch stolz daran, dass sie in dem Laden ihres Großvaters auch allein bedienen durfte, „als ich sicher mit Geld umgehen konnte“. Besonders in der Weihnachtszeit sei sie gerne im Lädchen gewesen: „Dann wurden die Zigarrenkistchen schön in Weihnachtspapier verpackt.“ Wenn der Großvater mal nicht arbeitete (immerhin hatte er auch noch einen zweiten Job und betrieb die Zweigstelle der Nassauischen Sparkasse Camberg), ging er mit seinen Enkeln und auch mit Nachbarskindern spazieren und brachte ihnen die Natur näher. Im Laden war aber eben immer viel los. Es kamen immer Leute, die irgendwelche Geldgeschäfte zu erledigen hatten. Die Dienstpost zwischen Eisenbach und Camberg wurde auf privatem Weg befördert: Der Sohn Willi Gattinger übergab auf seinem Weg zur Arbeit in Idstein am Bahnhof in Niederselters einer Mitarbeiterin der Naspa Camberg die Unterlagen in einem Briefumschlag – von sicherem Geldtransporter oder Security keine Spur.
Benedit Gattinger und seine Ehefrau, „Tante Marie“ oder „Bendikts Marie“ von den Eisenbacher genannt, waren „gute und patente Leute“, weiß sich Rosa Kaiser zu erinnern. Für ihren Bruder Bernhard kaufte sie hin und wieder Tabak ein.
Benedikt Gattinger war sehr ordentlich, er führte penibel sein Wareneingangsbuch. Auf seinem Schreibtisch waren Formulare, gespitzte Stifte, Stempel, Siegel, Stempelkissen und ein wunderschöner Briefbeschwerer aus buntem Glas vorzufinden. Hier, am Schreibtisch, saß auch Enkelin Ingrid sehr gerne: „Mein Opa hatte großes Vertrauen in mich. Sobald ich alle Druckbuchstaben lesen und schreiben konnte, durfte ich sein Wareneingangsbuch führen.“


Und: Benedikt Gattinger hatte auch immer lustige Sprüche auf Lager („Siehst du die Gräber dort im Tal, das sind die Raucher der Reval!“).
Der Inhaber des Tabakwarengeschäfts war aber auch noch leidenschaftlicher Toto-Spieler. Mit Kunden unterhielt er sich auch gerne darüber, vor allem, wenn er eine Tipp-Reihe falsch gesetzt hatte: „Anton, dessmol ess mir wirrer enn Bank gekracht!“ Es war seine Enkelin Ingrid, die den Totoschein regelmäßig für ihn zur Annahmestelle bei Klara Berschet brachte.
„Ich erinnere mich noch an eine Anekdote mit Opa“, weiß Ingrid Rembser zu berichten. „Er war der einzige Mann, den ich kannte, der eine komplette Glatze trug. Das war faszinierend. Auf meine Frage, warum er keine Haare mehr habe, erzählte er mir, dass er als Kind zu schnell gelaufen sei und dadurch seine Haare verloren habe. Das hatte zur Folge, dass ich mich als Erstklässlerin beim Schulsport in punkto Schnelligkeit zurückhielt.“

Zur Zeit des Nationalsozialismus war es Juden verboten, ein Geschäft oder Unternehmen zu betreiben oder auch einkaufen zu gehen. Sie wurden ausgegrenzt und unterdrückt. Der sogenannte „Judenboykott“ hielt auch Einzug in Eisenbach. Doch nicht alle Eisenbacher hielten sich daran, fanden heimlich Wege, um die Nachbarn, Bekannten, Freunde zu unterstützen und das Verbot zu umgehen. So auch Familie Gattinger: Benedikts Sohn Willi erinnerte sich, dass sein Vater die Familie des Hermann Aumann mit Tabakwaren versorgte, indem er die gewünschten Waren hinter dem Hoftor deponierte. Hermanns Tochter Klothilde holte diese dann ab. Damit begab sich Benedikt Gattinger in große Gefahr, gab es zu dieser Zeit auch in Eisenbach nicht wenige überzeugte Anhänger der Nationalsozialisten.
Am 10. März 1965 starb Benedikt Gattinger. Mit seinem Tod schloss auch der kleine Tabakwarenladen in der Kirchstraße 37.
Quellen:
Ingrid Rembser: Persönliche Erinnerungen an meinen Opa Benedikt
Rosa Kaiser: Erinnerungen (Januar 2026)



