
Elisabeth und Johann Gattinger hatten sich in Köln kennengelernt. Beide nicht mehr jung. Sie war Köchin im Haushalt eines Zahnarztes, er verschönerte ihm das Wohnhaus. Liebe auf den ersten Blick?
Überliefert ist aus dem Jahre 1898, dass Sohn Alfons im Elternhaus von Johann in der Kirchstraße 19 geboren und die Kindtaufe im „neuen“ Haus in der Kirchstraße 24 gefeiert wurde. Ganz seiner Zunft verschrieben, verschönerte Johann sein Haus innen wie außen mit hohen Decken und Stuck.
Elisabeth und Johann Gattinger hatten sich in Köln kennengelernt. Beide nicht mehr jung. Sie war Köchin im Haushalt eines Zahnarztes, er verschönerte ihm das Wohnhaus. Liebe auf den ersten Blick?
Wie man heute noch an dem großen Fenster links vom Eingang erkennen kann, war von Anfang an ein Gemischtwarenladen geplant. Er wollte seiner Frau diesen großen Wunsch erfüllen.

Gattin Elisabeth – leidenschaftliche Köchin – übernahm gerne die Aufgabe, die Lehrer der Schule zu verköstigen. Die Schule stand zwei Häuser weiter. In der Pause am Morgen kamen die Schulkinder in den Laden. Dann waren Süßigkeiten und Bonbons sehr gefragt. In der Mittagspause gingen die Lehrer zum Essen zur Liese (Elisabeth). So entstand der Ortsname „Liese“. Die Kirchstraße war der Pausenhof.



Nach dem Abschluss der Schule hat Enkelin Gerda, Jahrgang 1926, Tochter von Sohn Alfons, ihrer Oma im Laden geholfen. Gerda zog es später ins Ruhrgebiet. Sie arbeitete bei der Post, heiratete Franz Gattinger, einen Cousin und gebürtig aus der Nachbarschaft in Eisenbach.

Nach der Hochzeit ihres Sohnes Ewald mit Hilde, geb. Weil, übernahm die Schwiegertochter das Geschäft. Die Reichsmark war nichts wert. Die Zeiten waren hart. Fast jede Familie betrauerte einen Gefallenen. Essen war knapp, Wohnraum wurde für die Flüchtlinge beschlagnahmt. 246 Vertriebene und 134 Evakuierte wurden im Dorf kurzfristig untergebracht. Es gab mit Lebensmittelkarten kleine Rationen für Brot, Fett, Fleisch oder Käse.

Elisabeth starb 1947 im Alter von 81 Jahren. Ewald ging – wie viele andere – nach Frankfurt arbeiten und half beim Wiederaufbau. Die Räume im ersten Stockwerkt wurden Flüchtlingen zur Verfügung gestellt und bot zwei Familien Obdach. Das Ehepaar Zeppel aus Ostpreußen lebte viele Jahre dort.

1948 die Stunde „Null“ mit Währungsunion und Einführung der Deutschen Mark.
Eine Flüchtlingsfrau – Helene Zorembsky – dankte Hilde jedes Jahr am 8. Oktober. Ewald hatte ihr zur Feier der Geburt seiner Tochter Ursula den Einkauf nicht abgerechnet und noch aufgestockt. Helene hat diese gute Tat nie vergessen und es entwickelte sich innige Freundschaft bis ins hohe Alter.
Da die Familie sich vergrößerte, brauchte Hilde Hilfe. Anneliese Weinsheimer übernahm Küche, Haushalt und Gastwirtschaft, sodass Hilde sich um ihr Geschäft kümmern konnte. In der kleinen Gastwirtschaft, die neben dem Laden betrieben wurde, wurde manche Wette geschlossen und eingelöst. So ist überliefert, dass der Nachbar Peter Gattinger (Pitt) sein Pferd in die Gaststube geführt hat. Pitt hatte an dem Abend Freibier und das Pferd durfte seinen Teil trinken, bevor es wieder in den Stall musste.

Der Lebensmittelladen war Hildes Refugium. Um sich einer Handelskette anzuschließen, wurde der Laden Mitte der 1950er Jahre umgebaut. Die Lieferungen der Lebensmittel kamen zweimal pro Woche aus Westerburg. Obst und Gemüse (Obst-Friekel) sowie die Getränke (Brauerei Busch) wurden aus Limburg geliefert. Damals waren noch viele Waren im Laden lose, also nicht verpackt. Erbsen, Linsen, Bohnen, Rosinen, Mehl, Zucker, Gries, Senf und anderes gab es in großen Verpackungseinheiten und der individuelle Einkauf wurde bedarfsgerecht abgewogen. Natürlich gab es auch Stifte, Hefte und alles, was man für die Schule benötigte. Die Kinder kamen in der Pause und am Nachmittag, wenn der kleine Hunger kam.

Hilde führte den Laden nachsichtig. Gastfreundschaft war ihr wichtig, da war sie ganz wie ihre Schwiegermutter. Viele Frauen kamen täglich und ließen sich bei einer Tasse Kaffee und einem Plausch mit anderen Frauen aus dem Dorf inspirieren, was sie zu Mittag kochen könnten. Sie nahmen die Zutaten für das Mahl abgewogen mit. Am nächsten Tag kamen sie wieder.
Manchmal wurde es kurios, so wurde ein verpacktes 1kg Paket Zucker, das ein Kind gekauft hatte, mit den Worten zurückgeschickt „ich wollte keine Marmelade kochen. Ich wollte doch nur ein knappes Pfund Zucker“. Also wurde das verpackte Paket zurückgenommen und der Zucker lose abgewogen.

Bekannt waren auch die eingelegten Heringe, die es jeden Freitag gab.

An Heiligabend wurden die für die eigenen Kinder zurückgelegten Schoko-Nikoläuse oft doch noch verkauft, weil mal wieder jemandem in letzter Minute eingefallen war, dass noch Gaben für Weihnachten fehlten. Die Bescherung der eigenen Kinder konnte erst stattfinden, wenn der letzte Zecher weit nach der Ladenschlusszeit gegangen war.
Nicht unproblematisch, gab es Menschen mit einem sehr gedehnten Verhältnis zu Eigentum: Hier mal schnell einen Bonbon in den Mund, da nahm sich jemand etwas Obst, dort Gemüse, hier etwas zu trinken, es verschwand eine Wurst oder jemand hatte Verwendung für Kohle oder Kartoffeln. Immer nur Kleinigkeiten. Und nur weil Hilde nicht kommentierte, heißt es nicht, dass sie es nicht bemerkte.

Nach dem frühen Tod ihres Mannes Ewald gab Hilde das Ladengeschäft auf und arbeitete zunächst in der neu eröffneten Lebensmittelabteilung bei Karstadt in Limburg.
Sie heiratete in zweiter Ehe ihren Schwager Anton Gilberg und war bis zu ihrem Tod aktiv bei den Senioren. Es war sehr heiß im August 1999 und kurios wie es war, erhielt Hilde ihren letzten Ruheplatz zwischen ihren direkten Nachbarn.



