Sally Aumann (1897-1994) lebte mit seiner Schwester Klothilde (1899-1941/42) bei seinen Eltern Hermann (1864-1938) und Johanna, geborene Heß (1871-1924), in der Eisenbacher Wilhelmstraße 37. Sally heiratete Berta („Betty“) Oestreich (1913-1944) aus Langstadt (heute Babenhausen). Sie zogen nach Frankfurt am Main und bekamen zwei Kinder: Judis (1940-1942) und Josia (1941-1942), die beide im Ghetto Theresienstadt noch als Babys von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

Berta und Sally Aumann mit Tochter Judis 1940 in Frankfurt am Main

Berta Aumanns Bruder hieß Max. Ihre Eltern waren der Kaufmann Julius Oestreich (1876-1918) und die Hausfrau Sara, geborene Adler (1882-1942). Sie wohnten in der Hauptstraße 35 in Langstadt, wo Max Oestreich am 13. April 1909 zur Welt kam und Berta, genannt „Betty“, am 23. Dezember 1913.

Julius Oestreich mit seinem Sohn Max in Langstadt (um 1911/12)

Julius Oestreich übernahm das Viehhandelsgeschäft seines Vaters Nathan, genannt „Nehm“ (1846-1924). Sein Sohn Max wurde Kaufmann und heiratete am 1. September 1937 vor dem Standesamt in Langstadt die Hausfrau Gertrud Fuld. Gertrud war die Tochter von Bernhard und Fanny Fuld, geborene Strauß, aus Wolfenhausen im Kreis Oberlahn (heute Kreis Limburg-Weilburg). Bernhard Fuld (* 1873) starb 1942 im Ghetto Theresienstadt und Fanny (* 1877) wurde ebenfalls im Jahr 1942 im Vernichtungslager Treblinka mit Dieselabgasen ermordet. Laut Geburtsregister Nr. 27/1910 des Standesamts Wolfenhausen, das heute ein Ortsteil des Marktfleckens Weilmünster ist, kam Gertrud Fuld am 12. Dezember 1910 in Wolfenhausen zur Welt. Max und Gertrud Oestreich wohnten bis August 1940 in der Hauptstraße 35 in Langstadt.

Max (1909-2009) und Gertrud Oestreich (1910-1993) verließen Nazi-Deutschland erst im Juni 1941, als an eine Flucht für Juden kaum noch zu denken war. Dafür musste Max die Hälfte des Erlöses aus dem Verkauf seines Elternhauses in Langstadt in Höhe von 1.500,- Reichsmark aufbringen, wobei ihm sein Schwager Sally Aumann entscheidend geholfen hatte. Die spektakuläre Flucht von Max und Gertrud Oestreich von Langstadt über Frankfurt am Main, Berlin, Paris, Bordeaux und Lissabon nach New York gehört zu den abenteuerlichsten Kapiteln, die man sich vorstellen kann (nachzulesen im dritten Band meiner Geschichte der jüdischen Familien Aumann und Oestreich).

Gertrud und Max Oestreich im Jahr 1936

Max‘ und Bertas Vater, Julius Oestreich, starb in Langstadt am 20. August 1918 im frühen Alter von nur 42 Jahren an den Folgen einer Influenza-Pandemie, als sein Sohn Max erst neun und seine Tochter Betty noch keine fünf Jahre alt waren. Julius wäre später der Schwiegervater von Sally Aumann geworden. Bei dessen schwerer Erkrankung handelte sich um die sogenannte „Spanische Grippe“, eine irreführende Bezeichnung, die auf eine Schlagzeile der spanischen Zeitung „El Sol“ vom 22. Mai 1918 zurückzuführen ist, die aus Madrid über massenhafte Erkrankungen mit einer rätselhaften Ursache berichtete.

Sterbeurkunde für Julius Oestreich

Die „Spanische Grippe“ müsste eigentlich „Kansas-Grippe“ heißen, denn es kam im Januar und Februar 1918 im Haskell County im US-Bundesstaat Kansas zu den ersten virulenten Grippeausbrüchen. Der Landarzt Dr. med. Loring V. Miner (1860-1935) behandelte zahlreiche Patienten, deren Grippesymptome alles bisher Bekannte an Heftigkeit erheblich übertrafen und deren Krankheitsverlauf rasend schnell und gelegentlich tödlich verlief. Der Arzt wandte sich sogar an die amerikanische Gesundheitsbehörde, die jedoch nicht reagierte.

Mindestens drei Personen aus Haskell County wurden zwischen dem 28. Februar und dem 2. März 1918 in das US-Army-Ausbildungslager Camp Funston eingezogen, das zur Militärbasis Fort Riley im Nordosten des Bundesstaates Kansas gehörte. Am Morgen des 4. März 1918 erkrankte der Gefreite Albert Martin Gitchell (1890-1968), Koch in der Kantine, an der neuartigen Grippe und wurde damit zum ersten registrierten Patienten. Am nächsten Tag gab es bereits mehr als 500 Kranke und nur drei Wochen später waren in dem Ausbildungslager, in dem sich durchschnittlich 56.000 Rekruten befanden, 1.100 Schwerkranke und 38 Todesfälle zu beklagen.

Vom Januar bis zum August 1918 kamen mehr als eine Million amerikanische Soldaten der „American Expeditionary Forces“ („Amerikanische Expeditionsstreitkräfte“) nach Europa und brachten die Krankheit mit, was zu ihrer weltweiten Verbreitung führte. Ausgehend von Frankreich und Spanien, löste die „Mutter aller Pandemien“ – das sind örtlich nicht beschränkte Epidemien – zwischen dem Frühjahr 1918 und 1920 eine verheerende Krankheits- und Sterberate in Europa aus. Ursache war ein ungewöhnlich virulenter Abkömmling des Influenzavirus vom Subtyp A/H1N1, der zwischen 27 und 50 Millionen Todesopfer forderte. Einige Schätzungen sprechen sogar von bis zu 100 Millionen Opfern bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 1,8 Milliarden Menschen. Die Spanische Grippe forderte also ein Vielfaches der 17 Millionen Toten des Ersten Weltkriegs (1914-1918).

Unter den Opfern der Spanischen Grippe befand sich neben Julius Oestreich, dem Schwiegervater von Sally Aumann, auch der deutschstämmige Unternehmer Frederick (Friedrich) Trump (* 1869) aus Kallstadt in Rheinland-Pfalz, der am 30. Mai 1918 in New York als wohlhabender Mann starb und der Großvater des amtierenden US-amerikanischen Präsidenten Donald John Trump (* 1946) war.

Julius Oestreichs schlichtes Grab mit der Nummer 2/03, die das Grab Nummer 3 in der Reihe 2 bezeichnet, befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Babenhausen, der im nordöstlichen Bereich der Stadt an der Potsdamer Straße / Ecke Danziger Straße liegt.

Obwohl die Spanische Grippe weit mehr Todesopfer als jede Pestwelle forderte, blieb diese weltweite Pandemie von 1918 bis 1920 viele Jahrzehnte lang nur eine Fußnote der Weltgeschichte, von der kaum ein Mensch irgendetwas gewusst hatte.


Literaturempfehlung:

Dr. Bernd A. Weil: Unvergessene Nachbarn. Die Geschichte der jüdischen Familie Aumann. 3 Bände mit insgesamt 1.000 großformatigen Seiten, Norderstedt 2013, 2015 und 2019

Laura Spinney und Sabine Hübner: 1918 – Die Welt im Fieber: Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte

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